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Abschied vom Esstisch: Der neue Trend aus dem Ausland ersetzt ihn dauerhaft in unseren Wohnungen.

Frau serviert zwei Schüsseln auf einem Tablett in einem minimalistischen Wohnzimmer mit Holztischen und Kissen.

Aber eigentlich sitzt dort kaum noch jemand. Die Kinder haben sich mit Schüsseln in der Hand auf ein niedriges Sofa gekuschelt, die Eltern hocken auf einer breiten Bank am Fenster und balancieren die Teller auf den Knien. Musik läuft, Laptops sind halb aufgeklappt, jemand füllt im Vorbeigehen ein Glas nach. Der Tisch ist zum Abstellplatz geworden – für Schlüssel, Post und halb ausgepackte Pakete.

Was früher der heilige Familienaltar war, wirkt jetzt seltsam … optional. Gäste fragen nicht einmal mehr: „Wo sollen wir sitzen?“ Sie treiben in die gemütlichste Ecke, zum größten Kissen, auf den dicksten Teppich. Das eigentliche Herz der Wohnung hat sich leise wegbewegt von dem schweren, rechteckigen Möbelstück, das man angeblich „haben musste“.

Und etwas Unerwartetes tritt an seine Stelle.

Vom Esszimmer zum „Soft Room“: die leise Revolution

Betritt man eine Neubauwohnung in Kopenhagen, Seoul oder Sydney, fühlt man sich vielleicht kurz orientierungslos. Kein großer Holztisch, der den Wohnbereich dominiert. Stattdessen ein niedriges modulares Sofa, das in den Raum hineinragt, Hocker, die gleichzeitig als Tabletts dienen, eine lange Bank an der Wand, vielleicht ein breiter Couchtisch, den man zu den Knien heranziehen kann. Gegessen, gearbeitet und geredet wird auf unterschiedlichen Höhen, in verschiedenen Ecken – manchmal alles zugleich.

Der Esstisch ist nicht verschwunden. Er ist von einer neuen Art „Soft Room“ geschluckt worden. Ein Raum, in dem es natürlicher wirkt, im Schneidersitz auf einer gepolsterten Fläche zu sitzen, als sich auf Stühlen mit gerader Lehne aufzureihen. Die Atmosphäre ist eher Café als Kantine. Essen wandert durch den Raum, Teller kreisen, Menschen wechseln während einer Mahlzeit dreimal die Position. Es sieht ein bisschen chaotisch aus. Es fühlt sich überraschend ruhig an.

Interior-Designer:innen von Tokio bis Amsterdam sprechen davon, dass „Low Living Zones“ formelle Essbereiche ersetzen. In manchen skandinavischen Haushalten ist die größte Möbelinvestition nicht mehr der Tisch, sondern ein riesiges, tiefes Sofa, auf dem man praktisch liegend essen kann. In Seoul übernehmen erhöhte Bodenpodeste mit Kissen und verstecktem Stauraum die Rolle eines flexiblen „Essen-und-alles-andere“-Bereichs. Eine Umfrage eines deutschen Möbelhändlers aus dem Jahr 2023 ergab, dass Unter-35-Jährige einen klassischen Esstisch im Durchschnitt für weniger als drei Mahlzeiten pro Woche nutzen.

Die restliche Zeit essen sie an der Kücheninsel, auf dem Sofa, am Couchtisch oder im Bett. Nicht besonders „instagrammable“ … und doch genau so leben Menschen wirklich. Ein Berliner Paar, das ich getroffen habe, hatte seine wuchtige Essgruppe durch eine gepolsterte Bank an der Wand ersetzt – plus einen leichten, schmalen Tisch, den man zusammenklappen und wegstellen kann. „Abendessen ist auf dem Sofa, Brunch auf dem Balkon, und wenn Freunde kommen, legen wir einfach Bodenkissen dazu“, haben sie gelacht. Das fehlende Objekt im Raum fühlte sich weniger nach Verlust an, eher wie ein tiefes Durchatmen von Platz.

Warum dieser Wandel? Zum Teil sind es die Quadratmeter. Stadtwohnungen werden kleiner, und die Idee, ein Viertel des Wohnraums einem Ritual zu widmen, das man vielleicht einmal pro Woche wirklich gemeinsam lebt, wirkt verschwenderisch. Aber es gibt auch eine kulturelle Müdigkeit gegenüber Formalität. Viele von uns sind mit dem „schönen Tisch“ aufgewachsen, der eigentlich nur an Weihnachten genutzt wurde – plus Ellenbogen-Diskussionen und erzwungener Small Talk. Kein Wunder, dass die nächste Generation leise mit niedrigen Tischen und übergroßen Poufs rebelliert.

Der Soft Room passt zu dem, wie wir uns tatsächlich verhalten. Wir snacken, wir scrollen, wir arbeiten bis spät, wir „grasen“ statt um punkt 19:30 Uhr ein Drei-Gänge-Menü zu inszenieren. Der neue Trend aus dem Ausland hat nicht nur mit Möbeln zu tun; er bedeutet, zuzugeben, wie unser Leben längst aussieht. Das Zuhause hört auf, so zu tun, als wäre es ein Katalog, und fängt an, sich wie ein Körper zu verhalten, in dem man sich bewegen kann.

Wie man ohne Esstisch lebt (und es nicht bereut)

Wenn dich die Idee reizt, aber radikal wirkt: Fang klein an. Der einfachste Schritt ist, den Tisch zu verkleinern, bevor du ihn abschaffst. Tausche ein schweres, breites Modell gegen eine schmale Konsole an der Wand. Sie kann als Anrichte oder Laptop-Bar dienen, während die Mitte des Raums frei wird für einen niedrigen Tisch, einen Teppich und Kissen. Plötzlich werden Mahlzeiten mehr Lounge als Zeremonie.

Dann schaffe eine echte „Soft Zone“. Das kann ein großer, stabiler Couchtisch sein, den du nah ans Sofa ziehen kannst, oder ein niedriger Tisch im japanischen Stil, umgeben von Bodenkissen. Ziel ist eine Fläche, die leicht abwischbar ist, abgerundete Ecken hat und niedrig genug ist, damit du bequem essen kannst, ohne die Schultern hochzuziehen. Denk in Schichten: Teppich, Kissen, Decken, ein Tablett, das du wegheben kannst. Der Schlüssel ist, dass der Essplatz erscheint, wenn du ihn brauchst – und verschwindet, wenn du ihn nicht brauchst.

Es gibt eine Sorge, die fast alle teilen: „Essen wir dann nicht jeden Abend vor dem Fernseher?“ Ehrlich? Ja, am Anfang vielleicht. Gewohnheiten folgen dem Weg des geringsten Widerstands. Der Trick ist, einen Platz zu schaffen, der so einladend ist, dass er automatisch zur Standardoption wird: eine tiefe Sofaecke mit breiter Armlehne, auf die ein Teller passt. Eine Fensterbank mit einem kleinen Beistelltisch, der über den Schoß schwenkt. Ein großes Bodenkissen am niedrigen Tisch, wo du einfache Gerichte ausbreiten kannst.

Setz dir Regeln, die menschlich sind, nicht heroisch. Vielleicht sind Handys für Musik okay, aber nicht zum Scrollen. Vielleicht ist TV beim Alleine-Essen in Ordnung, aber sobald jemand dazukommt, schaltest du aus. Seien wir ehrlich: Niemand schafft das wirklich jeden Tag. Du wirst ausrutschen. Du wirst einmal im Monat Pasta im Bett essen. Das ist kein Versagen von Interior Design – das ist Leben.

„Wir haben gemerkt, dass nicht der Tisch uns verbunden hat“, sagte mir ein in London arbeitender Architekt. „Es waren Blickkontakt, geteilte Teller und das Gefühl, dass niemand am Rand feststeckt. Also haben wir den ganzen Raum darum herum gebaut.“

Damit daraus ein Lebensstil wird und keine kurzfristige Mode, hilft es, in Ritualen statt in Möbeln zu denken. Zünde eine Kerze auf dem Couchtisch an, wenn „Essenszeit“ ist. Nutze ein eigenes Tablett für Besteck und Gewürze. Klapp den Laptop weg, bevor du etwas servierst. Kleine Gesten sagen deinem Gehirn: „Jetzt essen wir, jetzt reden wir.“ Sie verankern den Moment – selbst wenn dein Teller auf einem Kissen balanciert.

  • Wähle eine Soft Zone als deinen Haupt-Essplatz.
  • Halte Geschirr und Besteck in Reichweite dieser Zone.
  • Nutze Licht (Lampe, Kerzen, Lichterkette), um „Essmodus“ zu signalisieren.
  • Schütze Stoffe mit einer waschbaren Decke oder einem Bezug dort, wo du isst.
  • Plane eine gemeinsame Mahlzeit pro Woche, bei der alle sich am selben Ort versammeln.

Die emotionale Seite des Abschieds vom Esstisch

Sich vom Esstisch zu entfernen, ist nicht nur eine Designentscheidung – es rührt an Tradition. Für manche steckt in diesem Rechteck die Erinnerung an Geburtstage, Hausaufgaben, Geschichten der Großeltern. Ihn abzuschaffen kann sich anfühlen, als würde man eine bestimmte Vorstellung von Familie verraten. Andere empfinden eher Erleichterung: kein riesiger, ungenutzter Altar mehr, der daran erinnert, dass man nicht oft genug einlädt, nicht oft genug kocht, nicht genug „richtig“ lebt.

Praktisch gesehen können Soft Rooms auch freundlicher zum Körper sein. Menschen mit Rückenschmerzen finden auf einem tiefen Sofa mit guter Lendenstütze oft mehr Entlastung als auf einem harten Stuhl. Kinder können zappeln und sich ausstrecken, ohne eine Reihe Weingläser umzustoßen. Der Hund rollt sich unter dem niedrigen Tisch zusammen, statt unruhig um steife Beine zu kreisen. Und menschlich gesehen macht Sitzen näher am Boden, Schulter an Schulter, formelle Konversation fast unmöglich.

An einem ruhigen Abend, wenn zwei Menschen sich eine Schüssel Suppe auf dem Sofa teilen und sich ihre Füße berühren, ist das Fehlen eines Tisches zwischen ihnen spürbar. Da ist buchstäblich weniger Barriere. Die Energie im Raum verschiebt sich von „Wir führen Abendessen auf“ zu „Wir hängen ab, und es gibt zufällig Essen“. Bei einem lauten Sonntagsbrunch, der sich über den Boden verteilt, während Freunde aus verschiedenen Richtungen Pancakes greifen, existiert die alte Hierarchie des „Kopfendes“ schlicht nicht.

Wir alle kennen diesen Moment, wenn wir an einem perfekt gedeckten Tisch sitzen und uns fühlen wie Schauspieler:innen in einem fremden Stück. Der neue Trend aus dem Ausland lädt uns ein, die Bühne wegzulassen und die Szene zu behalten. Vielleicht lautet die Frage nicht „Brauche ich einen Esstisch?“, sondern: „Welche Momente soll dieser Raum möglich machen?“ Die Antwort wird in jedem Zuhause anders aussehen – und genau darum geht es.

Kernpunkt Detail Nutzen für die Leser:innen
Der „Soft Room“ ersetzt das Esszimmer Tiefe Sofas, niedrige Tische, Podeste und Kissen werden zum Mittelpunkt der Mahlzeiten Den Trend aus dem Ausland verstehen und die Zukunft des eigenen Wohnens einschätzen
Das Ritual zählt mehr als das Möbel Licht, Gesten und Gewohnheiten schaffen den Moment des Miteinanders – auch ohne großen Tisch Soziale und familiäre Nähe bewahren und gleichzeitig Platz gewinnen
Schrittweise, flexible Umstellung Tisch verkleinern, eine weiche Ecke schaffen, modulare Möbel nutzen Ohne Reue und ohne große Sofortinvestition umsteigen

FAQ

  • Muss ich meinen Esstisch wirklich abschaffen, um dem Trend zu folgen?
    Du kannst einen kleineren oder klappbaren Tisch behalten und trotzdem einen Soft Room schaffen. Der Trend geht eher darum, den Schwerpunkt im Wohnraum zu verlagern, als Tische grundsätzlich zu verbannen.
  • Ist Essen auf dem Sofa schlecht für Haltung oder Verdauung?
    Wenn du eine stützende Sitzfläche und eine Ablage in der richtigen Höhe wählst, kann es genauso bequem sein wie ein Stuhl. Vermeide es, zusammengesackt mit dem Teller auf der Brust zu essen, und nutze für längere Mahlzeiten ein festes Kissen im Rücken.
  • Was ist mit Kindern und Chaos ohne „richtigen“ Esstisch?
    Nimm waschbare Bezüge, einen Teppich, der Flecken verzeiht, und ein stabiles Tablett für Getränke. Eine klar definierte Soft-Esszone hält Krümel und Kleckerei besser in Schach, als man denkt.
  • Kann ich ohne großen Tisch trotzdem formelle Dinner geben?
    Ja. Viele nutzen ausziehbare oder ansteckbare Tischplatten, die man wegräumt, oder leihen sich für besondere Anlässe Klapptische. Den Rest des Jahres dient der Raum dem Alltag.
  • Hält sich dieser Trend – oder ist das nur Social-Media-Hype?
    Er basiert auf echten Veränderungen: kleinere Wohnungen, hybrides Arbeiten, ein lockererer Lebensstil. Die genaue Optik wird sich wandeln, aber die Bewegung hin zu flexiblen, weichen, multifunktionalen Räumen wird sehr wahrscheinlich bleiben.

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