Auf einem abgelegenen Abschnitt der Golfküste, weit entfernt von Europas üblichen Energieauseinandersetzungen, nimmt eine stille technologische Wette Gestalt an.
Im Sand des westlichen Emiratsgebietes der Vereinigten Arabischen Emirate ist das Kernkraftwerk Barakah zu einer seltenen Art von Symbol geworden: Ein Golfstaat setzt seine künftige Stromversorgung nicht nur auf Gas und Solar, sondern auch auf großskalige, industrielle Kernenergie – wobei Frankreichs Framatome eine zunehmend wichtige Rolle beim Brennstoff spielt, der die Reaktoren am Laufen hält.
Barakah, ein Wüstenkraftwerk mit globalen Ambitionen
Barakah liegt am Rand der Arabischen Wüste mit Blick auf den Persischen Golf, rund 300 Kilometer von Abu Dhabi entfernt. Am Standort stehen vier in Südkorea entwickelte Druckwasserreaktoren, die etwa ein Viertel des Strombedarfs der VAE decken sollen. Zusammen sollen sie rund 40 Terawattstunden Strom pro Jahr erzeugen.
Diese Produktion ersetzt einen Teil der gasbefeuerten Stromerzeugung des Landes. Nach Angaben der Emirates Nuclear Energy Corporation (ENEC), die Barakah besitzt, vermeidet das Kraftwerk Emissionen in der Größenordnung von 22,4 Millionen Tonnen CO₂ pro Jahr. Das wird häufig mit dem Entfernen von etwa fünf Millionen Autos von den Straßen verglichen.
Barakah verschafft den VAE einen großen, stabilen Block CO₂-armer Elektrizität, der nicht von Sonne, Wind oder importierten Brennstoffen abhängt.
Der Vorstoß der VAE in Richtung Kernenergie überrascht mitunter Beobachter, die das Land vor allem als Öl- und Gas-Schwergewicht sehen. Die Führung in Abu Dhabi hat jedoch eine Strategie formuliert, um mehr Kohlenwasserstoffe für den Export freizusetzen, heimische Emissionen zu senken und sich in einer Welt, die Klimaregeln schrittweise verschärft, einen Ruf bei CO₂-armen Technologien aufzubauen.
Warum Barakah mehr als einen Brennstofflieferanten braucht
Bisher war Barakah bei Kernbrennstoff auf einen begrenzten Kreis von Lieferanten angewiesen. Dieses Modell wirkt zunehmend fragil in einer Welt, in der Sanktionen, Handelskonflikte und geopolitische Schocks lange Lieferketten praktisch über Nacht stören können.
Das Management von ENEC will vermeiden, dass die vier Reaktoren stillstehen, weil ein Lieferant nicht liefern kann. Kernbrennstoffverträge laufen über viele Jahre, und jeder Block braucht – je nach Auslegung – planmäßige Brennstoffwechsel alle 12 bis 24 Monate. Jede ernsthafte Unterbrechung kann sich unmittelbar in entgangenem Strom und entgangenem Umsatz niederschlagen.
Hier kommt Framatome ins Spiel. Der französische Konzern positioniert sich nicht nur als Komponentenlieferant, sondern als strategischer Partner, der einen zweiten Versorgungskanal anbietet – so ausgelegt, dass er zur südkoreanischen Technik in Barakah passt.
Prototypenbrennstoff: Barakahs neue Testelemente
Framatome hat in die VAE sogenannte „Lead Test Assemblies“ geliefert – Testbrennelemente, die in der seit Langem betriebenen Brennstofffabrik in Richland im US-Bundesstaat Washington gefertigt wurden. In jedem Brennelement halten hunderte dünne Metallrohre („Brennstäbe“) Pellets aus angereichertem Uranoxid. Geometrie, Dichtungen und Materialien müssen exakt den Spezifikationen des Reaktors entsprechen.
Diese Elemente sind noch nicht für eine vollständige kommerzielle Beladung vorgesehen. Stattdessen dienen sie als Qualifikationsmuster. Ingenieurteams prüfen damit drei große Bereiche:
- Leistung: Wie sich der Brennstoff unter realen Reaktorbedingungen über mehrere Zyklen verhält
- Sicherheit: Wie er auf Temperaturänderungen, Druck, Vibrationen und Kühlmittelfluss reagiert
- Kompatibilität: Wie er mit vorhandener Kernhardware und Regel-/Steuersystemen zusammenspielt
Bevor Barakahs Betreiber Framatome als langfristigen Lieferanten akzeptieren, durchlaufen die Brennelemente Labor- und In-Reaktor-Tests. Thermische Leistung, mechanische Festigkeit und hydraulisches Verhalten stehen unter genauer Beobachtung – mit Aufsichtsbehörden, die jeden Schritt begleiten.
Testbrennstoff muss beweisen, dass er jahrelanger Hitze, hohem Druck und Neutronenbeschuss standhält, ohne seine Integrität zu verlieren.
Wenn die Ergebnisse sowohl ENEC als auch die Aufsichtsbehörde der VAE überzeugen, kann Framatome mit der Lieferung vollständiger Brennstoffchargen für alle vier Blöcke beginnen und schrittweise in den regulären Nachladeplan des Kraftwerks integriert werden.
Framatores globaler Fußabdruck reicht bis in den Golf
Das Werk in Richland, das Barakah beliefert, ist eine der etabliertesten Anlagen von Framatome. Es blickt auf mehr als fünf Jahrzehnte Betrieb zurück und hat tausende Brennelemente für US-amerikanische und internationale Betreiber hergestellt. Der Standort erhielt wiederholt Bestnoten bei Sicherheitsbewertungen der US Nuclear Regulatory Commission – ein Punkt, auf den Kunden bei der Lieferantenauswahl genau achten.
Hinter der Hardware steht ein Netz von Ingenieurstandorten, darunter Teams in Lynchburg (Virginia), die Kernauslegung, Sicherheitsanalysen und Modellierung der Brennstoffperformance unterstützen. Diese Spezialisten arbeiten inzwischen direkt mit ENEC und Barakahs Fachpersonal zusammen, um Auslegungen an lokale Betriebsbedingungen und regulatorische Erwartungen anzupassen.
Vom Lieferanten zum langfristigen Partner
Die VAE kaufen nicht einfach Brennstoff „von der Stange“. ENEC strebt Beziehungen an, die Know-how übertragen, lokale Kompetenzen stärken und das Land in der globalen Nukleargemeinschaft verankern. Framatome wiederum hat ein starkes Interesse, in einer Region, die noch am Anfang ihrer nuklearen Entwicklung steht, eine langlebige Partnerschaft aufzubauen.
Es handelt sich nicht um eine einmalige Lieferung, sondern um ein Element eines breiteren Musters: Framatome unterstützt bereits Kunden auf mehreren Kontinenten – häufig als zweiter oder dritter Lieferant für Betreiberflotten, die Vielfalt in ihren Brennstoffverträgen wünschen.
| Land | Hauptkunde | Art der Zusammenarbeit |
|---|---|---|
| Vereinigte Arabische Emirate | ENEC (Barakah) | Testbrennelemente für Druckwasserreaktoren (PWR) |
| China | CGN (Taishan) | EPR-Brennstoffversorgung und technische Dienstleistungen |
| Vereinigte Staaten | Mehrere Betreiber | Brennstoff für PWR/BWR, Instandhaltung, Engineering |
| Südkorea | KHNP | Brennstoffoptimierung, gemeinsame technische Programme |
| Belgien | Electrabel | Kernauslegung, Brennstoff und Services |
Für Framatome bedeutet Barakah ein Vorzeigeprojekt in der arabischen Welt innerhalb einer Kundenliste, die bereits Betreiber in Europa, Asien, Afrika und Nord- sowie Südamerika umfasst. Für ENEC eröffnet die Anbindung an dieses Netzwerk Zugang zu jahrzehntelanger Erfahrung im Umgang mit Brennstoffzuverlässigkeit, ungeplanten Stillständen und Lebensdauerverlängerungen.
Kernenergie in einer Region unter Druck
Der Nahe Osten steht vor einer komplexen Energiezukunft. Die heimische Stromnachfrage steigt weiter – getrieben durch Industrialisierung, Meerwasserentsalzung und Klimatisierung. Zugleich wollen Regierungen Öl und Gas exportieren, statt sie im Inland zu verbrennen.
Große Kernkraftwerke wie Barakah bieten eine Möglichkeit, die heimische Stromproduktion von globalen Ölmärkten zu entkoppeln. Sie liefern langfristige Preisstabilität, weil Uranbrennstoff nur einen kleinen Teil der Gesamtkosten ausmacht und Jahre im Voraus beschafft wird.
Für Golfstaaten wirkt Kernenergie wie eine Absicherung: gegen volatile Gaspreise, gegen steigende Inlandsnachfrage und gegen Klimadruck auf Exporte fossiler Brennstoffe.
Ganz ohne Risiko ist der Ansatz nicht. Kernenergieprojekte bringen Fragen zur Sicherheitskultur, zur Entsorgung, zur Cybersicherheit und zur regionalen Sicherheit mit sich. Die VAE versuchen, diese Bedenken mit einer starken Aufsicht, dem Verzicht auf Urananreicherung und Wiederaufarbeitung im eigenen Land sowie enger Zusammenarbeit mit der Internationalen Atomenergie-Organisation zu adressieren.
Brennstoffsicherheit nach Russlands Invasion in der Ukraine
Die Entscheidung, die Brennstoffversorgung in Barakah zu diversifizieren, steht im größeren Kontext der Zeit nach dem Beginn des Ukrainekriegs. Russland war lange ein wichtiger Akteur bei nuklearen Brennstoffdienstleistungen. Sanktionen und wachsende politische Spannungen haben viele Länder dazu bewegt, ihre Abhängigkeit von russischen Nuklearunternehmen zu verringern.
Framatome hat – zusammen mit einigen amerikanischen, europäischen und asiatischen Wettbewerbern – von dieser Verschiebung profitiert. Betreiber überarbeiten ihre Brennstoffstrategien, suchen einen Mix aus Lieferanten und führen alternative Designs ein, die ohne teure Umbauten in bestehende Reaktoren passen.
Barakahs Testbrennstoff aus Richland spiegelt diese globale Neujustierung wider. Die VAE wollen Verträge, die robust wirken in einer Welt, in der blockierte Schifffahrtsrouten oder neue Sanktionen selbst gut geplante Projekte entgleisen lassen können.
Technische Einsätze hinter Barakahs Brennstofftests
Aus ingenieurtechnischer Sicht ist die Qualifizierung neuen Brennstoffs für einen laufenden Reaktor ein langsamer, methodischer Prozess. Jedes Testbrennelement bleibt mehrere Zyklen im Reaktorkern – typischerweise drei bis fünf Jahre –, bevor vollständige Datensätze vorliegen. Ingenieurteams verfolgen das Verhalten mit einer Mischung aus Berechnungen, Online-Messungen und Nachbestrahlungsuntersuchungen in spezialisierten Einrichtungen.
Sie achten auf subtile Probleme: Verformung unter Hitze, Wechselwirkungen mit Strukturkomponenten, Korrosion in Anwesenheit des Kühlmittels, kleine Risse, die unter bestimmten Bedingungen auftreten könnten. Ein einzelner defekter Stab bedeutet nicht automatisch, dass das Design verworfen wird – aber Muster sind entscheidend. Betreiber wollen Jahrzehnte zuverlässigen Betrieb mit möglichst wenigen Überraschungen.
Für Barakah erhöht die Testphase außerdem die Handlungsfreiheit von ENEC. Durch die enge Zusammenarbeit mit Framatores Teams bauen emiratische Ingenieurinnen und Ingenieure eigene Expertise in Brennstoffmanagement, Kernoptimierung und langfristiger Planung aus. Dieses Wissen wird wichtig, falls die VAE weitere Reaktoren bauen oder Barakahs Laufzeit über den ursprünglich vorgesehenen Zeitraum hinaus verlängern.
Jenseits von Barakah: Was das für andere Neueinsteiger bedeutet
Viele Länder, die Kernenergie erwägen, beobachten Anlagen wie Barakah genau. Sie schauen auf Bauverzögerungen, Betriebsergebnisse, Sicherheitsbilanzen und die Details von Brennstoffverträgen. Die Geschichte, dass ein französischer Anbieter in den USA gefertigten Brennstoff für eine koreanisch ausgelegte Anlage am Golf liefert, zeigt, wie international und voneinander abhängig moderne Nuklearprojekte geworden sind.
Neueinsteigerstaaten wägen Fragen ab wie: Wie viele Lieferanten können diesen Reaktortyp bedienen? Gibt es einen klaren Pfad zu alternativem Brennstoff, falls sich die Politik ändert? Gibt es Partner, die über Jahrzehnte Betriebserfahrung teilen – und nicht nur während der Bauphase Hardware verkaufen?
Barakahs Schritt hin zu diversifiziertem Brennstoff beantwortet einige dieser Fragen. Er sendet das Signal, dass ein Nuklearprojekt am Golf in ein breiteres Ökosystem aus Lieferanten und Ingenieurteams eingebunden werden kann, statt sich an eine einzige Lieferkette zu binden. Diese Botschaft ist für Entscheidungsträger von Osteuropa bis Südostasien relevant, die ihre Anfälligkeit für Energieschocks neu bewerten und zugleich CO₂-ärmere Stromerzeugung anstreben.
Für den Nuklearsektor belebt der Weg der VAE auch alte Debatten über die Langzeitlagerung, fortgeschrittene Brennstoffe und sogar radikale Konzepte wie tiefe geologische Endlager mehrere Kilometer unter der Erde. Jedes neue Kraftwerk erhöht den Druck, technische Lösungen zu entwickeln, um abgebrannten Brennstoff zu handhaben, Materialien wo möglich zu recyceln und künftige Lagerstätten über Jahrhunderte zu sichern.
Die Geschichte von Barakah betrifft daher mehr als ein einziges Wüstenkraftwerk. Sie beleuchtet, wie sich Nuklearbrennstoffmärkte unter geopolitischem Druck neu formen, wie Lieferantendiversität zu einer Art Energieversicherung wird – und wie ein französischer Industriekonzern über eine Fabrik in den USA nun dazu beiträgt, das ambitionierteste Atomprojekt des Nahen Ostens mit Energie zu versorgen.
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