Der Welthandel verändert sich rasant – und ein französischer Reedereikonzern zeichnet still und leise die Verbindungen zwischen Europa, Indien und dem Nahen Osten neu.
Der in Marseille ansässige Gigant CMA CGM hat Indiens Cochin Shipyard ausgewählt, um sechs neue LNG-betriebene Containerschiffe zu bauen. Damit vertieft das Unternehmen eine lange Annäherung an den Subkontinent und treibt seine grüne Transformation einen weiteren Schritt voran.
Eine stille Revolution auf hoher See
CMA CGM hat bei der Cochin Shipyard an Indiens Südwestküste sechs Containerschiffe mit einer Kapazität von 1.700 TEU bestellt. Jedes Schiff wird mit verflüssigtem Erdgas (LNG) betrieben – mit Dual-Fuel-Motoren, die später auf kohlenstoffärmere Alternativen umstellen können, sobald diese Kraftstoffe in größerem Maßstab verfügbar sind.
Für Indiens Schiffbauindustrie ist das mehr als ein Routineauftrag. CMA CGM ist die erste globale Linienreederei, die diesen Schiffstyp bei einer indischen Werft bestellt. Damit rückt Cochin in dieselbe Liga wie koreanische und chinesische Werften, die üblicherweise den Containerschiffbau dominieren.
Sechs LNG-betriebene Feeder-Schiffe wirken neben Ultra-Large-Containerschiffen bescheiden – doch sie markieren eine strategische Verschiebung bei der Frage, wer die „grüne“ Flotte von morgen baut.
Jedes Schiff wird rund 1.700 Twenty-Foot Equivalent Units (TEU) transportieren können – die Standardmaßeinheit in der Containerschifffahrt – bei einer maximalen Ladung in der Größenordnung von 42.500 Tonnen. Größenrekorde werden sie nicht brechen, aber sie zielen auf regionale Routen, auf denen die Nachfrage stark wächst: zwischen Indien, dem Golf, Ostafrika und Hub-Häfen im Mittelmeer.
Warum LNG in einer dekarbonisierenden Branche weiterhin eine Rolle spielt
LNG ist weiterhin ein fossiler Energieträger, und die Debatte darüber ist intensiv. Es löst die Klimakrise nicht allein. Die Schifffahrt verursacht nach wie vor fast 3 % der globalen CO₂-Emissionen, und die Branche kämpft darum, strengere Vorgaben der International Maritime Organization (IMO) zu Treibhausgasen und Luftschadstoffen zu erfüllen.
Im Vergleich zu Schweröl reduziert LNG die Schwefelemissionen um etwa den Faktor fünf und senkt Feinstaubemissionen ungefähr um die Hälfte. Die CO₂-Reduktionen liegen – je nach Motor und Kontrolle des Methanschlupfs – eher bei 15–20 % auf Tank-to-Wake-Basis.
CMA CGM setzt stark auf diese Technologie. Die Gruppe betreibt bereits eine der weltweit größten LNG-Containerflotten und betrachtet den Kraftstoff als Brücke zu synthetischen und biobasierten Molekülen.
Die neuen Schiffe sollen Biomethan oder E‑Methan nutzen können, sobald diese Kraftstoffe industriell verfügbar sind – und so einen fossilen Übergangsschritt in eine potenziell langfristige CO₂-arme Lösung verwandeln.
Praktisch bedeutet das „LNG-ready“-Design der Schiffe:
- Kryogene Tanks, ausgelegt für regionale Verkehre, aber konstruiert für höhere Beimischungsquoten von synthetischem Methan.
- Dual-Fuel-Motoren, die heute konventionelles LNG und morgen „Drop-in“-Varianten mit niedrigerem CO₂-Fußabdruck verbrennen können.
- Moderne Abgasnachbehandlung sowie digitale Überwachung von Kraftstoffverbrauch und Emissionen.
CMA CGM hat sich öffentlich zu Netto-Null-Emissionen bis 2050 verpflichtet. Diese sechs Schiffe sind ein kleiner Baustein eines größeren Plans: Bis 2030 sollen mehr als 120 Schiffe der Flotte auf alternative Antriebe setzen – im Rahmen eines umfassenden Dekarbonisierungsprogramms in Höhe von 7 Milliarden Euro.
Indien steigt zum strategischen Schiffbau-Hub auf
Cochins Technologiesprung
Indien ist seit Langem ein zentraler Markt für globale Linienreedereien; nun bewegt sich das Land in der Wertschöpfungskette nach oben – als Schiffbauer. Die vor über 50 Jahren gegründete Cochin Shipyard will den Auftrag von CMA CGM als Schaufenster für anspruchsvollere Neubauten nutzen.
Dazu kooperiert die Werft mit dem koreanischen Schwergewicht HD Hyundai Heavy Industries. Koreanische Teams fungieren als technische Coaches und helfen Cochin, strenge IMO-Anforderungen bei Rumpfoptimierung, LNG-Systemen und Emissionskontrolle zu erfüllen.
Die Zusammenarbeit verbindet indische Arbeits- und Standortvorteile mit koreanischem Know-how bei komplexen LNG- und Dual-Fuel-Designs.
In der Fertigung bedeutet das neue Kompetenzen und Prozesse: Schweißen kryogener Tanks, Integration von Dual-Fuel-Motoren sowie der Einsatz anspruchsvoller digitaler Steuerungssysteme, die die Antriebseffizienz kontinuierlich überwachen.
Eine Personalstrategie hinter dem Stahl
CMA CGMs Plan in Indien geht weit über Stahlplatten und Maschinenräume hinaus. Die Gruppe will bis Jahresende 1.000 indische Seeleute einstellen, weitere 500 sollen 2026 folgen. Das sind keine kurzfristigen Crewverträge, um Lücken auf entfernten Schiffen zu stopfen.
Viele dieser Seeleute werden auf Schiffen unter indischer Flagge fahren – mit spezifischen Anforderungen an Ausbildung, Sicherheitsstandards und Arbeitsrechte. Cochin wird damit in gewissem Sinne zugleich Werft und Ausbildungsstätte.
Techniker und Offiziere lernen, LNG-Betrieb zu handhaben, hybride Antriebssysteme zu managen und zunehmend vernetzte Brückensysteme zu bedienen. Jedes neue Schiff wird zu einem schwimmenden Klassenzimmer für maritime High-End-Kompetenzen, die Indien im eigenen Land verankern will.
Ein dichtes industrielles Standbein in ganz Indien
CMA CGMs Präsenz in Indien ist bereits erheblich. Die Gruppe ist seit 34 Jahren in indischen Gewässern aktiv und beschäftigt inzwischen rund 17.000 Menschen im Land. Etwa 9.000 davon arbeiten in Chennai, wo das Unternehmen ein Global Business Services Center betreibt, das Abrechnung, Logistikkoordination und Kundensupport für mehrere Regionen übernimmt.
Der Logistikarm CEVA Logistics erweitert diese Präsenz an Land. CEVA betreibt rund 105 Standorte in 31 Städten in Indien mit insgesamt fast einer Million Quadratmetern Lagerfläche. Dort werden sensible Warenströme gemanagt – von Mode- und Einzelhandelsprodukten bis hin zu Automobilteilen und Elektronik.
| Aktivität | Umfang in Indien |
|---|---|
| CMA-CGM-Mitarbeitende | ≈ 17.000 |
| Mitarbeitende im GBS-Zentrum Chennai | ≈ 9.000 |
| CEVA-Logistics-Standorte | 105 in 31 Städten |
| Lagerfläche | ≈ 1.000.000 m² |
Vor diesem Hintergrund sind die sechs neuen Schiffe nur ein weiteres Glied in einer dichten Kette von Partnerschaften. Für Indien signalisieren sie den Wandel vom reinen Absatzmarkt hin zu einem Anbieter maritimer Technologie, maritimer Arbeitskräfte und integrierter Logistikdienstleistungen.
Politik, Macht und das Rennen bis 2047
Der Deal passt auch eng zu den langfristigen maritimen Ambitionen Neu-Delhis. Unter der Maritime India Vision 2030 will die Regierung eine durchgängige Meereswirtschaft aufbauen: vom Schiffbau und Häfen über Ausbildungsakademien und Schiffreparatur bis hin zu Offshore-Energie.
Mit Blick auf 2047, den 100. Jahrestag der Unabhängigkeit, will Indien als maritime Vollspektrum-Macht auftreten. Verträge mit großen ausländischen Reedereien helfen, Investitionen in lokale Infrastruktur, regulatorische Modernisierung und technische Bildung zu begründen.
Für Indien ist jedes LNG-ready-Schiff aus Cochin ein Signal an globale Schiffseigner: Die Werft spielt nicht mehr nur im Küsten- oder Verteidigungssegment, sondern bei komplexer kommerzieller Tonnage.
Für CMA CGM unterstützt die Verankerung von Fertigung und Crewing in Indien sowohl Kosteneffizienz als auch Marktreichweite. Das Unternehmen gewinnt einen tieferen Stand in einem Land mit 1,4 Milliarden Menschen – und passt zugleich zu Indiens Klima- und Industrialisierungsagenda.
Ein französischer Gigant, der über die Schifffahrt hinauswächst
CMA CGMs Entwicklung zeigt, warum solche Schritte relevant sind. Das 1978 in Marseille gegründete Unternehmen ist zur drittgrößten Containerreederei der Welt gewachsen – hinter MSC und Maersk. Es bedient heute mehr als 420 Häfen in 160 Ländern und beschäftigt weltweit über 155.000 Menschen. Der Umsatz lag 2024 bei über 45 Milliarden Euro, obwohl der Boom bei den Frachtraten nach der Pandemie abkühlte.
Die Gruppe geht zudem weit über Seefracht hinaus. CMA CGM Air Cargo ergänzt zentrale Routen um eine Luftfrachtbrücke. CEVA Logistics bietet Kontraktlogistik und Spedition an Land. Das Unternehmen hält Beteiligungen an Medien, etwa an französischen Wirtschaftstiteln und digitalen Angeboten, und arbeitet mit Telekommunikationspartnern an Unterseekabeln.
In der Praxis entwickelt sich CMA CGM zu einem breiten Logistik- und Infrastrukturökosystem statt zu einem reinen Schiffseigner. Diese Diversifizierung schafft Robustheit in einem volatilen Frachtenmarkt und gibt dem Konzern mehr direkten Einfluss auf Lieferketten von Ende zu Ende.
Was das für Verlader und das Klimarennen bedeutet
Für Ladungseigner verändert der Umstieg auf LNG und alternative Kraftstoffe die Verhandlung von Transportverträgen. Viele große Einzelhändler und Hersteller fordern heute Emissionsdaten je Transportabschnitt. LNG-betriebene Feeder auf Indien-bezogenen Routen ermöglichen CMA CGM, stärker klimaausgerichtete Dienstleistungen zu verkaufen – oft mit einem Aufpreis gegenüber konventioneller Tonnage.
Die Wette auf LNG-kompatible Designs ist auch eine Absicherung gegen regulatorische Risiken. Wenn die EU oder andere Regionen die CO₂-Bepreisung in der Schifffahrt verschärfen, könnten Reedereien mit emissionsärmeren Flotten Kostenvorteile erzielen. Die Bestellungen bei Cochin sind Teil dieser Absicherung.
Es gibt Risiken. Ob Biomethan und synthetisches E‑Methan in industriellem Maßstab verfügbar sein werden, ist ungewiss – und diese Kraftstoffe dürften teurer sein als konventionelles LNG. Einige Umweltgruppen sorgen sich außerdem um Methanschlupf, also das Entweichen unverbrannten Methans aus Motoren und Lieferketten, was Klimavorteile teilweise zunichtemachen kann.
Gleichzeitig ist die Zeit knapp. Große Containerschiffe fahren typischerweise 20 bis 25 Jahre. Entscheidungen von heute – selbst bei kleineren Feeder-Schiffen – schreiben Emissionsprofile bis in die 2040er Jahre fest. Flexible Dual-Fuel-Schiffe zu bestellen, die später auf sauberere Moleküle umstellen können, ist ein pragmatischer Weg, Optionen offen zu halten und gleichzeitig aktuelle Vorschriften zu erfüllen.
Für Indiens Küstenregionen ist noch ein weiterer Punkt wichtig: die lokale Luftqualität. Häfen in Mumbai, Kochi, Chennai und entlang des Golfs von Kachchh leiden unter den Abgasen von Schweröl. Wenn mehr LNG-fähige Feeder-Schiffe diese Häfen anlaufen, sollten Schwefel- und Partikelemissionen im Hafen und auf den Anlaufstrecken sinken – und damit der Druck auf Hafenstädte, die bereits mit Smog kämpfen.
Kommentare (0)
Noch keine Kommentare. Sei der Erste!
Kommentar hinterlassen