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Eine potenzielle Entdeckung von 2,4 Billionen Euro: Ein unerwarteter neuer Helfer weist der Goldindustrie den Weg zu großen Funden.

Ein Mann kniet im Freien, nimmt Bodenprobe mit Spritze, neben Karte, Funkgerät und Saatgutbeutel.

Tief unter abgetragenen Bergen deutet ein feines, von Bergleuten lange ignoriertes Gas nun auf vergrabenes Metall im Wert schwindelerregender Summen hin.

Seit Jahrzehnten jagen Geologen schwer fassbaren Hinweisen hinterher, während Investoren Geld in Bohrlöcher pumpten, die kaum mehr als Gestein und Frust zutage förderten. Doch es vollzieht sich ein leiser Wandel – und er beginnt mit etwas, das man weder sehen noch riechen oder berühren kann: Helium, das aus dem Erdmantel aufsteigt.

Ein verborgenes Signal unter gescheiterten Bohrlöchern

Moderne Goldexploration wirkt aus der Luft beeindruckend. Hubschrauber überfliegen Grate, Drohnen kartieren Täler, Computer verarbeiten atemberaubende Datenmengen. Dennoch bleibt eine harte Tatsache: Die meisten Bohrkampagnen scheitern. Unternehmen verbrennen Millionen, weil sie schwachen oder irreführenden Signalen folgen.

Das Problem liegt selten an fehlender Technologie. Es liegt an fehlender verlässlicher Orientierung. Geophysik kann Strukturen anzeigen, Chemie kann auf Metall hindeuten – doch beides stößt an Grenzen, wenn Lagerstätten zu tief liegen oder eine komplexe Geologie sie überdeckt. Prospektoren greifen dann oft auf fundiertes Raten zurück.

Forscher in Europa sagen nun, sie hätten einen neuen Wegweiser gefunden – und er kommt nicht vom Gold selbst. Er stammt aus winzigen Gasblasen, die neben ihm eingeschlossen sind.

Helium, das in mikroskopischen Hohlräumen innerhalb von Sulfidmineralen eingeschlossen ist, scheint die tiefsten und reichsten Goldsysteme zu „fingerabdrücken“.

Ein internationales Team unter Leitung von Professor Fin Stuart von der University of Glasgow und dem Scottish Universities Environmental Research Centre (SUERC) analysierte goldführende Minerale aus Lagerstätten in Schottland und Irland. Statt beim Metallgehalt zu beginnen, richteten sie den Blick auf Gas.

Mithilfe hochpräziser Massenspektrometrie maßen sie Heliumisotope, die in winzigen Flüssigkeitseinschlüssen gefangen sind. Diese Blasen – teils nur wenige Mikrometer groß – konservieren die chemische Erinnerung an die Fluide, die einst durch uralte Klüfte strömten und Gold zurückließen.

Warum Helium für Goldsucher wichtig ist

Helium kommt hauptsächlich in zwei Isotopen vor: Helium-4 (⁴He), das häufige Produkt radioaktiven Zerfalls in Gesteinen, und Helium-3 (³He), deutlich seltener und oft mit dem Erdmantel verbunden. Indem Geochemiker das Verhältnis von ³He zu ⁴He mit dem atmosphärischen Wert vergleichen (ein Maß, das als Ra bezeichnet wird), können sie die Herkunft des Gases bestimmen.

In den schottischen und irischen Proben fand das Team Ra-Werte zwischen 0,09 und 3,3. Diese Spanne zeigt klar einen Beitrag von mantelbürtigen Fluiden – nicht nur flachen, krustalen Prozessen. Die Botschaft ist einfach: Tiefe, heiße Fluide aus dem Untergrund alter Gebirgsgürtel spielten eine direkte Rolle dabei, Gold in die Erdkruste zu transportieren.

Diese Fluide bewegten sich während der kaledonischen Orogenese, einer Gebirgsbildungsphase vor etwa 490 bis 390 Millionen Jahren. Als Krustenplatten kollidierten, aufrissen und sich verdickten, trieb Wärme aus der Tiefe Fluide nach oben, löste Metalle und lagerte sie in Störungen und Scherzonen wieder ab – dort, wo heute wirtschaftliche Erze vorkommen.

Je reicher die Lagerstätte, desto stärker der Mantel-Helium-Fingerabdruck. Diese Korrelation macht Helium zu einem potenziellen Maßstab – nicht nur zu einem Wegweiser.

Mit anderen Worten: Helium deutet nicht nur an, wo Gold liegen könnte; seine isotopische Signatur kann auch eine erste Abschätzung liefern, wie groß ein System sein könnte – bevor Bohrgeräte anrücken.

Der kaledonische Gürtel: ein 1.800-km-Testfall

Der kaledonische Gebirgsgürtel zog sich einst wie eine Narbe über die frühen Kontinente. Heute reichen seine Überreste von den Appalachen in Nordamerika über Grönland und Schottland bis nach Nordnorwegen. Für das ungeübte Auge wirkt vieles wie gewöhnliches Hochland, über lange Zeit von Eis und Verwitterung geformt.

Doch seine tiefen Wurzeln beherbergen einige der vielversprechendsten Goldziele Europas. Aktive und geplante Minen wie Cononish in Schottland oder Curraghinalt und Cavanacaw in Irland liegen auf Strukturen, die aus dieser uralten Kollision hervorgingen. Traditionell klassifizierten Geologen diese als „orogene“ Lagerstätten, also solche, die mit Gebirgsbildungsprozessen verknüpft sind.

Die Helium-Ergebnisse zeichnen ein schärferes Bild: Der Mantel wärmte nicht nur sanft die Basis der Kruste. Er trieb einen thermischen Motor an, der Gold mobilisierte und dort konzentrierte, wo Brüche einen Aufstiegsweg boten. Das in Sulfiden eingeschlossene Gas erzählt diese Geschichte noch Millionen Jahre später.

Im Labor: Nanoliter, die Märkte bewegen

Um diese Informationen zu „fördern“, nutzte das Team hochpräzise Massenspektrometer am SUERC. Diese Geräte messen Isotopenverhältnisse in Gasmengen nahe dem Nanoliter-Bereich. Diese Empfindlichkeit ist entscheidend, weil Flüssigkeitseinschlüsse in Erzmineralen nur verschwindend geringe Mengen enthalten.

Proben müssen in Vakuum sorgfältig erhitzt oder zerdrückt werden, damit eingeschlossene Gase sauber in das Instrument entweichen. Jede Verunreinigung verwischt das Signal. Wenn die Spektren vorliegen, suchen Analysten nach kleinsten Abweichungen im ³He/⁴He-Verhältnis, die auf Mantelbeteiligung hinweisen.

Diese Arbeit wirkt im Vergleich zu luftgestützten Surveys quälend langsam. Ihre Stärke liegt jedoch in der Klarheit: Anders als viele geophysikalische Methoden sprechen Heliumisotope direkt über Tiefe und Natur der Fluidquelle – nicht nur über die Form der darüberliegenden Gesteine.

Von Labordaten zur Bohrstrategie

Für die Bergbauindustrie liegt das Versprechen darin, was als Nächstes passiert. Daten aus wenigen, gezielt ausgewählten Proben könnten Unternehmen helfen, Ziele zu priorisieren, bevor sie ernsthaft Kapital in Bohrungen binden.

  • Strukturen identifizieren, die eine Mantel-Helium-Signatur zeigen.
  • Die Stärke dieser Signatur mit der Größe des mineralisierenden Systems verknüpfen.
  • Tiefe Bohrtests unter bestehenden Prospekten oder alten Grubenbauen priorisieren.
  • Gebiete mit rein flachen, schwachen Fluid-Signalen zurückstellen.

Calum Lyell, Explorationsgeologe und Erstautor der Studie, argumentiert, dass diese Helium-Signaturen weltweit als Schlüsselindikatoren für große Mineralsysteme dienen könnten. Das ist relevant für Unternehmen, die jährlich zig oder hunderte Millionen in Greenfield-Projekte investieren.

Ein paar Milligramm Gas können Entscheidungen darüber verschieben, wo man Tausende Bohrmeter und Jahre Arbeit investiert.

Das ersetzt klassische Explorationswerkzeuge nicht. Geophysik, Kartierung und Geochemie definieren weiterhin Strukturen, Wirtsgesteine und Alterationszonen. Helium ergänzt dieses Instrumentarium als Filter: eine Möglichkeit zu prüfen, ob eine vielversprechende Struktur den tiefen Motor anzapfte, der tendenziell große Lagerstätten speist.

Die 2,4-Billionen-Euro-Frage: Wie viel Gold ist noch übrig?

Die Menschheit hat bislang rund 205.000 Tonnen Gold gefördert, nach Angaben des US Geological Survey und des World Gold Council. Dieser gesamte Vorrat würde in einen Würfel mit etwa 22 Metern Kantenlänge passen – ein überraschend kleines Volumen für eine derartige Obsession.

Zusätzlich haben Geologen rund 54.000 Tonnen identifizierter Reserven erfasst, die mit heutiger Technologie wirtschaftlich abbaubar sind. Zusammen ergeben gefördertes und bekanntes Gold etwas über 250.000 Tonnen.

Viele Fachleute vermuten, dass die Geschichte dort nicht endet. Unter abgetragenen Gebirgsgürteln, unterhalb bestehender Lagerstätten und unter schlecht kartierten Gebieten in Regionen wie den Kaledoniden, den Anden und Teilen Westafrikas erwarten sie eine weitere „Etage“ von Systemen. Diese liegen mehrere Kilometer tief – außerhalb der direkten Reichweite von Oberflächenprobenahme und einfacher Geophysik.

Grobe Schätzungen gehen davon aus, dass weitere 15–20 % des Goldes in dieser tiefen Kategorie liegen könnten, also etwa 30.000 bis 40.000 Tonnen.

Kategorie Ungefähres Gold (Tonnen)
Bereits gefördertes Gold 205.000
Bekannte wirtschaftliche Reserven 54.000
Tiefes, schwer nachweisbares Potenzial 30.000–40.000

Bei etwa 60.000 € pro Kilogramm könnte allein dieses tiefe Potenzial zwischen 1,8 Billionen und 2,4 Billionen Euro wert sein. Die Lücke zwischen „vermutet“ und „bankfähig“ hängt maßgeblich von besserer Detektion ab. Genau deshalb zieht Helium inzwischen Aufmerksamkeit weit über akademische Kreise hinaus an.

Eine risikobekannte Branche schaut auf einen neuen Kompass

Goldexploration bleibt einer der risikoreichsten Bereiche der Rohstoffbranche. Viele Junior-Unternehmen finden nie eine wirtschaftliche Lagerstätte. Selbst Major-Konzerne schreiben große Projekte nach schlechten Bohrergebnissen ab. Ein Werkzeug, das Fehlanzeigen reduziert, kann Portfolioentscheidungen, Personalplanung und sogar nationale Strategien verändern.

Heliumbasierte Vorselektion bringt mehrere Vorteile:

  • Sie zielt auf die Quelle der Fluide, nicht nur auf deren oberflächennahe Ausprägung.
  • Sie funktioniert mit sehr kleinen, sorgfältig entnommenen Proben.
  • Sie hilft, große, tiefe Systeme von kleinen, lokalen zu unterscheiden.

Sie bringt jedoch auch Herausforderungen. Nicht jedes Labor kann Heliumisotope mit der nötigen Präzision messen. Die Durchlaufzeiten können sich verlängern, wenn die Nachfrage steigt. Die Interpretation erfordert zudem enge Zusammenarbeit zwischen Feldgeologen und Isotopenspezialisten – sonst werden Signale womöglich falsch gelesen.

Unternehmen stehen außerdem vor einer strategischen Wahl: Nutzen sie Heliumdaten vor allem, um Ziele in bekannten Gürteln wie den Kaledoniden zu verbessern, oder dringen sie in unterexplorierte Regionen vor, in denen Infrastruktur und Politik die Entwicklung erschweren?

Jenseits von Gold: weitere Folgen unter unseren Füßen

Die gleiche Logik, die Mantel-Helium mit Gold verknüpft, kann auch auf andere Metalle zutreffen, die von tiefen Fluiden transportiert werden. Kupfer, Antimon und kritische Elemente für Batterien wandern teils in ähnlichen hydrothermalen Systemen. Ein klarerer Blick auf Fluidwege könnte die Prospektion für eine ganze Palette von Rohstoffen verändern, die mit der Energiewende verbunden sind.

Helium selbst hat ebenfalls Wert, insbesondere ³He, das Forscher für fortgeschrittene Fusionskonzepte und Tieftemperaturphysik ins Auge fassen. Zu verstehen, wo Mantel-Helium in die Kruste entweicht, könnte langfristig helfen, Heliumressourcen besser zu charakterisieren – auch wenn Gold vorerst im Mittelpunkt steht.

Für Leser, die mit Geochemie weniger vertraut sind, bieten Heliumisotope auch ein anschauliches Modell: Man kann sich die Erdkruste als rissige Schale und den Mantel als heißen Motor darunter vorstellen. Wo die Schale tief bricht, steigen Gas und Fluide auf und nehmen Metalle mit. Die Helium-Messung zeigt einfach, ob ein Bruch den Motor anzapfte oder oberflächennah blieb. Dieser Unterschied trennt oft bescheidene Anzeigen von Lagerstätten im Maßstab ganzer Distrikte.

Wenn mehr Gebirgsgürtel auf diese Weise untersucht werden, könnten Investoren und Regierungen zunehmend fragen, wo ihre eigenen Regionen auf der Skala der Mantelanbindung liegen. Diese Frage könnte alles beeinflussen – von nationalen Explorationsanreizen bis zur langfristigen Versorgung mit einem der symbolträchtigsten Metalle der Menschheit.

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