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Frankreich und Russland kämpfen bis 2047 um Indiens Atommarkt im Wert von 172 Milliarden Euro.

Ein Mann in einem Labor untersucht ein Miniaturmodell eines Kraftwerks auf einem Tisch, im Hintergrund sind Fenster und Pläne

India baut still und leise eines der ehrgeizigsten zivilen Atomprogramme der Welt auf – und alle wollen ein Stück davon.

Hinter verschlossenen Türen in Neu-Delhi und Mumbai umwerben russische und französische Delegationen Indiens Energieplaner, während heimische Versorger die Zahlen für einen gewaltigen Ausbau an Reaktoren, kleinen modularen Einheiten und sogar schwimmenden Anlagen durchrechnen.

Indiens Atom-Jackpot: ein Rennen über 172 Milliarden Euro bis 100 GW

Indiens Regierung hat für ihre nuklearen Ambitionen ein symbolisches Datum gesetzt: 2047, das hundertjährige Jubiläum der Unabhängigkeit. Bis dahin sollen 100 Gigawatt Kernkraftkapazität in Betrieb sein – gegenüber knapp 8 GW heute. Dieser Sprung würde den Anteil der Kernenergie am indischen Strommix mehr als verdreifachen; derzeit liegt er bei bescheidenen 3 %.

Um die Marke von 100 GW zu erreichen, braucht Indien enormes Kapital, verlässliche Partner und lange Lieferketten. Analysten arbeiten häufig mit einem Richtwert von rund 2 Milliarden US‑Dollar pro Gigawatt für große Reaktoren. Auf Basis von Investitionsplänen des staatlichen Stromerzeugers NTPC und anderer Entwickler könnte der zivile Nuklearmarkt, der an Indiens Fahrplan hängt, einen Rohbauwert von über 200 Milliarden US‑Dollar erreichen – also etwa 172 Milliarden Euro –, noch bevor Brennstoffdienstleistungen, Wartung und Netzausbau überhaupt eingerechnet sind.

Für Russlands Rosatom und Frankreichs Framatome ist Indien nicht einfach ein weiterer Exportmarkt. Es ist in den kommenden zwei Jahrzehnten die größte offene Wachstumschance für Kernenergie weltweit.

Diese Perspektive erklärt, warum Moskau und Paris ihre Präsenz ausbauen. Indien wiederum signalisiert, dass kein einzelnes Land dominieren wird. Stattdessen will die Regierung Wettbewerb, Technologietransfers und eine lokale Industrie, die in jeder Phase verankert ist.

Rosatoms Langzeitspiel in Kudankulam

Russland hat einen Erststartervorteil. In Kudankulam, im südlichen Bundesstaat Tamil Nadu, hat Rosatom bereits zwei Druckwasserreaktoren des Typs VVER‑1000 geliefert, in Betrieb genommen 2014 und 2017. Zwei weitere Blöcke befinden sich im Bau, und die Blöcke 5 und 6 sind in frühe Bauphasen eingetreten. Block 3 hat mit kritischen Sicherheitsprüfungen begonnen – ein wichtiger Schritt in Richtung Netzanschluss.

Rosatom schlägt nun eine vierte Ausbaustufe vor: zwei Reaktoren der neuen Generation VVER‑1200, leistungsstärker und angeblich leichter in Serie zu errichten. Der russische Versorger argumentiert, jeder zusätzliche Block stärke eine gemeinsame Infrastruktur: geschultes Personal, lokale Zulieferer, Häfen, Schwertransportrouten und regulatorische Routine.

Dabei geht es nicht nur um Beton und Stahl. Rosatom-Chef Alexey Likhachev betrachtet Indien als Eckpfeiler einer größeren Exportstrategie. Wenn seine Ingenieure in einem heißen Küstenumfeld wie Kudankulam schnelle, zuverlässige Bauprozesse demonstrieren können, sendet das ein starkes Signal an potenzielle Käufer in Asien, Afrika und dem Nahen Osten.

Hinter jedem neuen Reaktorvorschlag steckt ein größeres Ziel: Brennstoffverträge, Servicevereinbarungen und Komponentenaufträge für Jahrzehnte festzuzurren.

Der SMR- und Floating-Reactor-Dreh

Das russische Angebot geht inzwischen über klassische Gigawatt-Reaktoren hinaus. In jüngsten Gesprächen mit Indiens Department of Atomic Energy (DAE) brachte Rosatom die Option russisch konzipierter Small Modular Reactors (SMRs) ins Spiel. Diese kompakten Einheiten, typischerweise unter 300 MWe, versprechen kürzere Vorlaufzeiten, geringere Anfangskosten pro Projekt und eine leichtere Integration in schwache oder fragmentierte Netze.

Eine weitere Idee auf dem Tisch klingt fast wie Science-Fiction, existiert in Russland aber bereits: schwimmende Kernkraftwerke. Rosatom betreibt die Akademik Lomonosov, ein auf einem Ponton montiertes Kraftwerk, das eine abgelegene arktische Stadt versorgt. Ein ähnliches Konzept könnte für Indien interessant sein – für isolierte Inseln, Küsten-Industriecluster oder stark nachgefragte Häfen, in denen Landbeschaffung schwierig ist.

Für Indien könnten diese Formate helfen, abgelegene Regionen zu elektrifizieren, Entsalzung oder Produktion von grünem Wasserstoff zu betreiben und netze mit hohem Anteil erneuerbarer Energien zu stabilisieren. Für Russland bieten sie die Chance, komplette „Nuclear-as-a-Service“-Pakete zu verkaufen – mit Brennstofflieferung, Betriebsunterstützung und Rückbau, gebündelt in langfristigen Verträgen.

Frankreich zieht nach: Framatome eröffnet in Navi Mumbai

Frankreich kann Russlands Vorsprung bei tatsächlich gebauten Reaktoren in Indien nicht einholen, hat aber eigene Trümpfe. Im September 2025 eröffnete Framatome neue Büros in Navi Mumbai. Der Standort soll mehr sein als ein Vertriebsbüro. Das Unternehmen spricht davon, Ingenieure zu rekrutieren, lokale Teams zu schulen und Konstruktionskapazitäten auf indischem Boden aufzubauen.

Framatome ist bereits über Tochtergesellschaften präsent – etwa Jeumont Electric, das nuklearqualifizierte Motoren und Generatoren liefert, sowie Corys, aktiv in Simulator-Technologien. Mit dem neuen Hub signalisiert der französische Konzern, als langfristiger Industriepartner wahrgenommen werden zu wollen, nicht nur als Ausrüster.

Der Preis ist klar: sechs European Pressurised Reactors (EPR) in Jaitapur an Indiens Westküste. Das Projekt wird seit Jahren verhandelt, belastet durch Finanzierungs-Komplexität, Haftungsregeln und lokalen Widerstand. Paris betrachtet es dennoch als Vorzeigeprojekt der französisch-indischen Zusammenarbeit bei CO₂-armer Energie.

Wer Jaitapur gewinnt, baut nicht nur Reaktoren, sondern prägt Sicherheitskultur, Ausbildungsstandards und digitale Infrastruktur für Indiens nächste Atomgeneration.

Framatome zielt zudem auf Chancen bei Laufzeitverlängerungen für Indiens alternde Reaktoren. Viele bestehende Anlagen benötigen große Modernisierungen, wenn sie über 40 oder 50 Jahre hinaus betrieben werden sollen. Dienstleistungen rund um Inspektion, Komponententausch und digitale Leitsysteme könnten einen erheblichen Umsatzanteil ausmachen – weniger sichtbar als Neubauten, aber oft planbarer.

Ausbildung, Jobs und der Engpass bei Nuklear-Fachkräften

Indiens Atompläne prallen auf eine sehr praktische Grenze: Menschen. Das Land hat bereits einen Mangel an spezialisierten Kerntechnikingenieuren, Schweißern, Sicherheitsinspektoren und Strahlenschutzexperten. Jedes große Reaktorprojekt bindet in der Spitze Tausende Beschäftigte – plus Hunderte für den langfristigen Betrieb.

Hier sehen ausländische Akteure Hebel. Durch die Finanzierung von Trainingszentren, gemeinsamen Studiengängen und „on-the-job“-Programmen wollen Rosatom und Framatome in Indiens Qualifizierungskette verankert werden. Diese Präsenz könnte schwer wiegen, wenn Neu-Delhi künftige Aufträge vergibt.

  • Rosatom wirbt für gemeinsame Ausbildung an russischen und indischen Instituten.
  • Framatome setzt auf Simulationswerkzeuge und Schulungen für digitale Leittechnik.
  • Indische Behörden drängen auf aktualisierte Curricula an staatlichen Ingenieurhochschulen.
  • Privatunternehmen – vom Turbinenbauer bis zum IT-Integrator – sehen Kernenergie als Wachstumssegment.

Eine Wirtschaft mit Hunger nach Elektronen

All diese Manöver ergeben nur vor Indiens Energiehintergrund Sinn. Das Land wurde 2023 zur bevölkerungsreichsten Nation der Welt. Die Urbanisierung beschleunigt sich, und jedes Jahr steigen Millionen in die Mittelschicht auf. Klimaanlagen, Rechenzentren, U‑Bahnsysteme, Elektrofahrzeuge und Industrieparks treiben die Stromnachfrage in einem Tempo nach oben, das nur wenige Länder zuvor bewältigt haben.

Die Internationale Energieagentur erwartet, dass sich Indiens Stromverbrauch bis zur Mitte des Jahrhunderts mehr als verdreifacht. Kohle dominiert weiterhin, und die Solarleistung wächst in atemberaubendem Tempo – doch Netzstabilität, nur tagsüber verfügbare Erzeugung und Flächenkonflikte begrenzen, wie weit Erneuerbare allein tragen können. Wasserkraft hat eigene Herausforderungen, von Monsun-Variabilität bis zu lokalem Widerstand gegen Staudammprojekte.

Neu-Delhis Strategie setzt auf einen breiten Mix: Solar auf Dächern und in Wüsten, Wind in Küsten- und Hochlandregionen, modernisierte Kohle für Versorgungssicherheit – und Kernenergie als CO₂-arme Grundlast. Ziel ist, den Kernenergieanteil bis 2047 auf etwa 9 % der Erzeugung zu bringen. Dieser Anteil bleibt im Vergleich zu Frankreich moderat, doch das absolute Stromvolumen wäre enorm.

Kennzahl (Indien, 2025) Wert
Reaktoren in Betrieb 24
Installierte Kernkraftleistung 7.943 MW
Reaktoren im Bau 6 (4.768 MW)
Regierungsziel für 2031 22 GW
Regierungsziel für 2047 100 GW

Lokalisierung: Indiens neues Nichtverhandelbar

Das Wort, das in offiziellen Aussagen immer wieder auftaucht, ist Lokalisierung. Indien will keine Wiederholung früherer Erfahrungen, bei denen importierte Technologie nahezu schlüsselfertig ankam und kaum Fähigkeiten vor Ort hinterließ. Die Politik drängt nun auf Joint Ventures, Lizenzmodelle, lokale Komponentenfertigung und langfristig auf indigene Reaktordesigns, die international konkurrieren können.

Der Staat setzt bereits auf eigene PHWR-Technologie (Pressurised Heavy Water Reactor) in einem standardisierten 700‑MWe-Format. Rund zwei Drittel der heutigen Flotte folgen diesem heimischen Design. Importreaktoren aus Russland oder potenziell Frankreich bauen auf dieser Basis auf – sie ersetzen sie nicht.

Für ausländische Unternehmen entsteht daraus ein heikler Balanceakt. Sie müssen Technologietransfer, lokale Fertigung großer Komponenten und Beteiligung an indisch geführten F&E‑Projekten anbieten, ohne ihr gesamtes geistiges Eigentum preiszugeben. Verhandlungen über Kontrolle des Brennstoffkreislaufs, Umgang mit abgebranntem Brennstoff und Wiederaufbereitungsrechte sind besonders sensibel – angesichts von Indiens parallelen militärischen Fähigkeiten.

Wer heute das nukleare Know-how kontrolliert, könnte morgen die Exportaufträge kontrollieren – wenn Indien beginnt, eigene Reaktoren an Partner im Globalen Süden zu verkaufen.

Kernenergie als geopolitischer Hebel

Hinter den Tabellenkalkulationen formiert sich ein indo-pazifisches Schachbrett. Indiens zivile Atomdeals überschneiden sich mit seinen Verteidigungspartnerschaften, seiner Rivalität mit China und seinem Wunsch, als Scharnierstaat zwischen Blöcken zu agieren.

Russland bleibt ein historischer Partner – mit Jahrzehnten der Zusammenarbeit und vergleichsweise flexiblen Positionen beim Technologietransfer. Frankreich positioniert sich als strategischer Verbündeter, der Indiens Streben nach Autonomie unterstützt – von Rafale-Jets über Unterseekabel bis zur Kernenergie. Die USA drängen ihre eigenen Reaktoranbieter und Brennstoffe, während sie zugleich Partnerschaften auf Netzebene und Wasserstoffprojekte im Blick haben.

Jeder Vertrag in Kudankulam oder Jaitapur sendet ein Signal. Ein russischer Erfolg festigt Moskaus Rolle als verlässlicher Lieferant trotz Sanktionsdruck. Ein französischer Durchbruch würde die Paris‑Delhi‑Achse vertiefen, die bereits in Rüstungsdeals und gemeinsamen Indo-Pazifik-Patrouillen sichtbar ist. Verzögerungen oder Absagen können hingegen das Argument für eine stärker eigenständige indische Nuklearindustrie stärken.

Risiken, Abwägungen und die SMR-Frage

All das kommt nicht ohne Risiken. Atomprojekte verzögern sich oft und überschreiten Budgets – das belastet öffentliche Finanzen. Die Sicherheitskultur muss strikt bleiben, wenn der Bau an mehreren Standorten gleichzeitig skaliert. Endlagerung bleibt eine Langfristfrage; tiefe geologische Endlager befinden sich weltweit vielerorts noch in Planungsphasen.

SMRs, oft als flexible Lösung präsentiert, bringen eigene Unsicherheiten mit. Kommerzielle Einsätze sind bislang begrenzt. Standardisierung und Serienfertigung könnten Kosten senken – aber nur, wenn genügend Aufträge zusammenkommen. Indien könnte sie zunächst in Industrieclustern oder strategischen Korridoren testen, etwa an Bahnstrom-Drehkreuzen oder in „grünen Wasserstoff“-Zonen, wo stabile CO₂-arme Leistung direkt wirtschaftlichen Nutzen stiftet.

Für Investoren und Politik ist Indiens Atomrennen eine laufende Fallstudie zur Energiewende unter realen Zwängen. Es berührt Finanzierung, Klimaverpflichtungen, Technologiesouveränität und regionale Machtpolitik. Ob Rosatom oder Framatome den größten Anteil der 172‑Milliarden‑Euro-Chance erobert: Die Art, wie Indien diese Expansion strukturiert, wird sein Energiesystem weit über 2047 hinaus prägen.

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