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Marokko wird mit neuem Werk in Fès zu einem wichtigen Standort in Alstoms globaler Bahnstrategie.

Zwei Ingenieure mit Helmen arbeiten an einem Zug in einer Fabrikhalle, bedienen ein Kontrollpanel.

A new chapter for global rail manufacturing is quietly taking shape in northern Morocco, where industrial ambition now meets high-speed strategy.

Behind the familiar story of offshoring, Morocco is starting to write a very different script: one where advanced rail components, engineering talent and export capacity all converge in Fès, under the banner of the French transport giant Alstom.

Fès erhält eine weltweit einzigartige Produktionslinie

Alstom hat sein Werk in Fès ausgewählt, um dort die weltweit erste Produktionslinie des Konzerns einzurichten, die ausschließlich für Führerstände (Fahrerarbeitsplätze) von Zügen bestimmt ist. Das Vorhaben wird durch eine Investition von 100 Millionen Dirham (rund 9 Mio. €) gestützt. Der Standort wird diese Einheiten für Projekte weltweit liefern – nicht nur für den lokalen Markt.

Der Führerstand ist das Herzstück eines modernen Zuges. Er ist weit mehr als ein Armaturenbrett oder ein Touchscreen. In einem kompakten, streng regulierten Raum bündelt er Bremsbefehle, Traktionssteuerung, Signalschnittstellen, Energiemanagement, Klimatisierung und Sicherheitssysteme.

Jeder Markt verlangt sein eigenes Layout, eine passende Mensch-Maschine-Schnittstelle und die Einhaltung nationaler Vorschriften. Das bedeutet: Der Führerstand vereint mehrere anspruchsvolle Disziplinen – Embedded-Elektronik, Präzisionsmechanik, Softwareentwicklung, ergonomisches Design und Bahnsicherheitsnormen. Die Bündelung dieser Produktion in Fès ist ein starkes Signal für das Vertrauen, das Alstom in marokkanische Kompetenzen setzt.

Indem Alstom Fès die globale Verantwortung für Führerstände überträgt, macht der Konzern aus Marokko nicht länger eine Nebenwerkstatt, sondern einen zentralen Knoten seines industriellen Netzwerks.

Die neue Linie wird parallel zur bestehenden Produktion von Mitrac™-Bahntransformatoren betrieben, die die Spannung zwischen Oberleitungen und bordeigenen Systemen anpassen. Laut Alstom wird sich die Transformator-Kapazität in Fès im Zuge der Erweiterung verdoppeln.

Vom Montagewerk zum strategischen Hub

Fès etabliert sich als regionaler Brückenkopf

Das Werk in Fès spielt bereits eine sichtbare Rolle in Alstoms Projekten in Marokko. Es lieferte Ausrüstung für 77 Prima-Lokomotiven, 270 Citadis-Straßenbahnen für Rabat und Casablanca sowie 12 Avelia-Euroduplex-Züge für die Hochgeschwindigkeitsstrecke zwischen Tanger und Casablanca.

Der jüngste Schritt hebt den Standort in eine neue Liga. Alstom plant die Einrichtung eines lokalen Ingenieurbüros in Fès, das Lösungen für verschiedene Märkte entwirft und anpasst. Damit verändert sich der Charakter des Standorts – von einem überwiegend produzierenden Werk hin zu einer regionalen technischen Basis.

In Alstoms interner Karte bedient Fès nun die AMECA-Region – Afrika, Naher Osten und Zentralasien – als Hub für Hardware und Know-how.

Fès agiert zunehmend weniger wie ein Subunternehmer und mehr wie eine Plattform: Der Standort entwickelt, baut, testet und versendet Komponenten, die prägen, wie Züge auf mehreren Kontinenten geführt werden.

Arbeitsplätze, Kompetenzen und langfristige Positionierung

Die Erweiterung soll in Fès mehr als 200 direkte Arbeitsplätze schaffen – vor allem in Engineering, Präzisionsmontage, Qualitätstests und technischen Supportfunktionen. Diese Rollen liegen höher in der Wertschöpfungskette als klassische Fließbandtätigkeiten.

In ganz Marokko beschäftigt Alstom bereits rund 1.400 Menschen, was auf ein langfristiges Engagement hindeutet. Die Investitionen seit 2020 belaufen sich insgesamt auf knapp 200 Millionen Dirham, und das neue Projekt festigt die Position des Landes in der globalen Wertschöpfungskette des Konzerns.

Für Alstom kann die Konzentration sensibler Komponenten wie Führerstände an einem einzigen, spezialisierten Standort die industrielle Organisation vereinfachen: weniger Zulieferer, klarere Verantwortlichkeiten, leichtere Standardisierung. Für Marokko bedeutet das Zugang zu globalen Sicherheitsnormen, komplexen Testprotokollen und softwarelastigen Produkten.

  • Hochwertige Aufgaben: Design, Industrialisierung, Tests und Dokumentation.
  • Grenzüberschreitende Zusammenarbeit: Koordination mit Projektteams in Europa, Asien und Nord- und Südamerika.
  • Wissenstransfer: Trainingsprogramme zu Bahnelektronik, Sicherheitssystemen und digitalen Tools.
  • Exportgetriebene Aktivität: In Fès gefertigte Komponenten werden in Züge integriert, die weltweit im Einsatz sind.

Marokkos breiteres industrielles Upgrade

Ein breiterer Wandel hin zu fortgeschrittener Fertigung

Die Entscheidung, die weltweit erste Führerstands-Linie in Fès anzusiedeln, passt in einen größeren Trend: Marokko positioniert sich als Industriepartner für Europa – insbesondere in Sektoren, die Energiewende und Mobilität unterstützen.

In den vergangenen Monaten gab es eine Reihe von Ankündigungen, die das Land weiter vom Image eines reinen Niedrigkosten-Montagezentrums entfernen.

  • Der chinesische Konzern BYD hat ein Batterie-Gigafactory-Projekt in der Zone Tangier Med bestätigt – im Wert von mehr als 12 Milliarden Dirham (rund 1,1 Mrd. €) – mit Fokus auf den europäischen Elektrofahrzeugmarkt.
  • STMicroelectronics baut sein Werk in Bouskoura bei Casablanca aus, mit Schwerpunkt auf Leistungshalbleitern für energieeffiziente Fahrzeuge; Investition: etwa 3 Milliarden Dirham (knapp 270 Mio. €).
  • Der staatliche OCP-Konzern, ein führender Phosphatproduzent, setzt bis 2027 ein großes Green-Transformation-Programm im Wert von mehr als 130 Milliarden Dirham (über 11,7 Mrd. €) um – mit Erneuerbaren, grünem Wasserstoff und CO₂-armen Düngemitteln.
  • Das Luftfahrt-Cluster rund um Nouaceur steigt in höherwertige Segmente auf, mit neuen Linien für Verbundbauteile, Triebwerke und Verkabelung – in Verbindung mit Gruppen wie Safran, Hexcel, Boeing und Collins Aerospace.
  • Das Energieprojekt Xlinks–Aman plant, marokkanischen Grünstrom über ein 3.800 km langes Unterseekabel nach Großbritannien zu leiten; Gesamtbudget: über 230 Milliarden Dirham (rund 21 Mrd. €) – mit Wind, Solar, Speicher und Umwandlungsanlagen.

In diesem Umfeld ist der Aufstieg von Fès als Bahntechnologie-Standort ein weiterer Baustein: spezialisierte Komponenten für dekarbonisierten Verkehr – entwickelt und gefertigt näher an europäischen Märkten, aber außerhalb der EU-Kostenbasis.

Warum Konzerne wie Alstom auf Marokko setzen

Mehrere praktische Gründe treiben diesen Wandel. Die Lohnkosten liegen weiterhin unter denen Westeuropas, während der lokale Talentpool dank Ingenieurhochschulen und gezielter Trainingsprogramme stetig wächst. Auch die Geografie hilft: Häfen wie Tangier Med und Anbindungen nach Europa halten Logistikzeiten kurz – verglichen mit asiatischen Lieferketten.

Der marokkanische Staat verfolgt zudem eine aktive Industriepolitik und nutzt Steueranreize, spezialisierte Zonen sowie Public-Private-Partnerships, um Investitionen in Automotive, Luftfahrt, Elektronik – und nun auch Bahnkomponenten – anzuziehen.

Für Alstom passt diese Kombination aus Kosten, Skills und Standort gut zur Strategie, näher an Endmärkten zu produzieren und zugleich die Abhängigkeit von wenigen europäischen Werken zu reduzieren.

Ein Blick auf Alstoms globale Werkslandkarte

Fès wird Teil eines Netzes spezialisierter Standorte

Alstom betreibt ein umfangreiches Fertigungsnetzwerk in Europa, Asien, Nordamerika und Afrika. Jedes Werk fokussiert sich in der Regel auf bestimmte Produkte – ein Mosaik aus Spezialisierungen, das globale Projekte speist.

Land Stadt Hauptfokus Geschätzte Beschäftigte
Frankreich La Rochelle Hochgeschwindigkeitszüge (TGV, Avelia), Citadis-Straßenbahnen ~1.200
Deutschland Kassel Traxx Elektro- und Hybridlokomotiven ~1.000
Indien Sricity Metrozüge für den Binnen- und Exportmarkt ~900
USA Hornell (New York) Hochgeschwindigkeitszüge, Modernisierungen ~900
Polen Wrocław Aluminiumwagenkästen für Schienenfahrzeuge ~1.200
Marokko Fès Mitrac™-Transformatoren, Führerstände, Engineering ~500 (wachsend)

Aktuelle Zahlen von Alstom zeigen einen Auftragsbestand von über 90 Mrd. €, gespeist durch Verträge für Chicagos U-Bahn, neue Vorortzüge der nächsten Generation für die Region Paris, Straßenbahnen für Melbourne, eine Erweiterung der automatischen Metro in Riad, regionale Coradia-Einheiten in den Niederlanden sowie Traxx-Lokomotiven für die ukrainische Bahn.

Die Unternehmensstrategie ruht auf drei Säulen: Lokalisierung der Produktion, standardisierte Zugplattformen und kontinuierliche Investitionen in Innovation – darunter Wasserstoffantrieb, fortschrittliche Leit- und Sicherungstechnik sowie Automatisierung. Vor diesem Hintergrund erhält Fès ein strategisches Gewicht, das mit einigen lang etablierten europäischen und asiatischen Hubs vergleichbar ist.

Fès ist nicht mehr nur eine Adresse auf Alstoms Karte; es wird zu einem Referenzpunkt, sobald der Konzern über digitale Fahrerumgebungen und Traktionskomponenten spricht.

Was das für Bahn, Technologie und Beschäftigte bedeutet

Führerstände als Blickfenster in die Zukunft der Bahn

Die Wahl von Führerständen als Vorzeigeprodukt zeigt, wohin sich Bahntechnologie bewegt. Während Signalsysteme in Richtung digitaler Standards wie ETCS gehen und die Automatisierung voranschreitet, wird die Schnittstelle zwischen Mensch und Maschine komplexer.

Die Fahrerarbeitsplätze von morgen müssen Echtzeitdaten, Entscheidungsunterstützung und in einigen Korridoren teilautonome Funktionen integrieren. Die Produktion in Fès zwingt lokale Teams dazu, Softwareintegration, Cybersecurity-Aspekte und ergonomisches Design zu beherrschen – nicht nur die physische Hardware.

Für marokkanische Ingenieurinnen, Ingenieure und Technikerinnen und Techniker kann diese Erfahrung auf andere Sektoren ausstrahlen: Elektrofahrzeuge, Smart Grids, industrielle Automatisierung und sicherheitskritische Software. Die Kompetenzen sind übertragbar.

Risiken und Chancen hinter der Schlagzeile

Der Schritt bringt auch Risiken mit sich. Ein einzelner globaler Produktionsstandort schafft Abhängigkeiten. Jede Störung in Fès – ob sozial, politisch oder klimatisch – könnte Lieferpläne für Alstom-Projekte in weiter entfernten Regionen beeinträchtigen. Das Unternehmen benötigt robuste Notfallplanung und konsequentes Bestandsmanagement.

Vor Ort liegt die Herausforderung darin, die Talentpipeline dauerhaft zu sichern. Hightech-Industrieprojekte geraten oft ins Stocken, wenn Aus- und Weiterbildung nicht mit Technologie-Upgrades Schritt halten. Partnerschaften mit Universitäten, technischen Instituten und Berufsbildungszentren werden den langfristigen Erfolg des Fès-Clusters stark beeinflussen.

Hinzu kommt eine soziale Dimension. Jobs in anspruchsvoller Fertigung werden überdurchschnittlich bezahlt, verlangen jedoch kontinuierliche Weiterbildung. Beschäftigte am Standort werden regelmäßig mit wechselnden Standards, Software-Tools und Prozessen konfrontiert. Stabile Karrieren hängen daher eher von fortlaufender Qualifizierung ab als von einmaligen Abschlüssen.

Für politische Entscheidungsträger und Investoren, die aus London oder New York zuschauen, bietet die Entwicklung in Fès eine praxisnahe Fallstudie: wie eine mittelgroße Stadt in Nordafrika einen Teil einer globalen, dekarbonisierten Verkehrsindustrie verankern kann – nicht nur über Megaprojekte, sondern über eine spezifische, hochstandardisierte Komponente, die jeder moderne Zug benötigt.

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