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Michelin, bereits weltgrößter Reifenhersteller, investiert über 500 Mio. € für zwei US-Übernahmen.

Mann im Labor untersucht ein Material vor einem Autoreifen, trägt weißen Kittel, Sonnenlicht fällt durchs Fenster.

Michelin zeichnet seine Zukunft in Amerika leise neu – weit weg von Autorädern – durch den Kauf zweier spezialisierter Textilgruppen mit äußerst anspruchsvollen Kunden.

Hinter der bekannten Reifenmarke und ihrem Maskottchen treibt der französische Konzern seine Ausrichtung auf Hochleistungsmaterialien voran – mit einem bedeutenden Schritt in den USA, der neu definieren könnte, woher das Wachstum künftig tatsächlich kommt.

Michelins mutiger Schritt in den USA: mehr als 500 Mio. € für Hightech-Gewebe

Michelin hat die Übernahme der Cooley Group und von Tex Tech Industries bestätigt, zwei US-amerikanischen Vorreitern für technische Textilien und Verbundwerkstoffe. Beide Transaktionen werden vollständig in bar bezahlt und sollen – vorbehaltlich behördlicher Genehmigungen – bis Mitte 2026 abgeschlossen sein.

Auf Basis der zu erwartenden Umsatzzugänge für Michelins Sparte Polymer Composite Solutions schätzen Analysten den kombinierten Kaufpreis auf etwa 460 bis 645 Mio. €, also im Mittel knapp über 500 Mio. €. Der Konzern will dafür keine neuen Schulden aufnehmen, sondern auf seine beträchtlichen Liquiditätsreserven zurückgreifen.

Mit Cooley und Tex Tech kauft Michelin nicht nur Fabriken, sondern Zugang zu Medizin-, Luft- und Raumfahrt- sowie Verteidigungsprogrammen, in denen Null-Fehler-Standards gelten.

Zusammen sollen die beiden Unternehmen den Umsatz von Michelins Polymer-Composite-Solutions-Aktivitäten um rund 20 % erhöhen und nach vollständiger Konsolidierung etwa 280 Mio. US‑Dollar (rund 239 Mio. €) pro Jahr beitragen. Für ein Geschäftsfeld, das lange als Nebenschauplatz galt, ist das ein Sprung, der ins Gewicht fällt.

Von Reifen zu Textilien: Was Michelin wirklich kauft

Cooley Group: Membranen für Wasser, Medizin und aggressive Chemikalien

Die Cooley Group, vor fast einem Jahrhundert in Pawtucket (Rhode Island) gegründet, produziert polymerbeschichtete Gewebe für hochsensible Anwendungen. Ihre Membranen kommen in Trinkwasser-Reservoirs, flexiblen Tanks für korrosive Flüssigkeiten, medizinischen Umgebungen und komplexen Dichtungssystemen zum Einsatz.

Das Unternehmen beherrscht die gesamte Wertschöpfungskette im eigenen Haus – vom Weben der Basistexilien bis zur Polymerextrusion und Beschichtung. Diese Kontrolle hilft, Leistung und Zuverlässigkeit dort zu sichern, wo Leckagen, Kontamination oder mechanisches Versagen inakzeptabel wären.

  • Anwendungen in Wasserinfrastruktur und Umweltschutz
  • Spezialbeschichtungen für medizinische und chirurgische Umgebungen
  • Flexible Containment-Lösungen für aggressive Industrieflüssigkeiten
  • Lösungen, die an regulatorischen und Sicherheitsstandards ausgerichtet sind

Cooley hat zudem in „grünere“ Chemien und langlebigere Materialien investiert – das passt gut zu Michelins eigenen Zielen rund um Haltbarkeit und eine geringere Umweltbelastung.

Tex Tech Industries: Gewebe für Raketen, Jets und Körperschutz

Tex Tech Industries mit Sitz in Maine und Wurzeln bis ins Jahr 1904 steht für das andere Ende des Anforderungsspektrums: extreme Hitze, Feuer und Schlagbeanspruchung. Das Unternehmen entwickelt und fertigt fortschrittliche technische Textilien für Luft- und Raumfahrt, Luftfahrt und Verteidigung.

Zu den Produkten zählen thermische Schutzlagen für Raketen, flammhemmende Sitzmaterialien für Flugzeuge sowie Gewebe für Schutzausrüstung. Gemeinsamer Nenner ist Leistungsfähigkeit in Umgebungen, in denen Sekunden des Versagens Leben oder Missionen kosten können.

Ob als Auskleidung einer Rakete, in einer Flugzeugkabine oder in einer ballistischen Schutzweste: Tex Techs Gewebe verbinden geringes Gewicht, Feuerbeständigkeit und mechanische Festigkeit.

Für Michelin, das Polymere bis ins Detail beherrscht, lassen sich diese Fähigkeiten direkt mit der bestehenden Forschung zu Hochtemperaturmaterialien, flexiblen Strukturen und Schlagzähigkeit verknüpfen.

Ein schnell wachsendes Nebengeschäft wird zur eigenständigen Säule

Polymer Composite Solutions erhält eine eigene Berichtszeile

Ein subtiler, aber aussagekräftiger Schritt begleitet die Übernahmen: Michelin wird Polymer Composite Solutions künftig als eigenständiges Segment berichten – neben dem Kerngeschäft Reifen. Damit signalisiert der Konzern Investoren, dass Aktivitäten jenseits des Reifengeschäfts als echter Wachstumsmotor gesehen werden.

Heute machen Verbundwerkstoffe weiterhin nur einen kleineren Teil des Gesamtumsatzes aus. Mit der Integration von Cooley und Tex Tech steigt das Gewicht dieses Segments – und damit auch seine strategische Relevanz in Analystencalls und bei Kapitalallokationsentscheidungen.

Die Konzernführung argumentiert seit Langem, die Kernkompetenz liege weniger in „Reifen“ als in komplexen Materialien, die Reibung, Druck, Temperatur und Ermüdung managen. Ein sichtbares Segment Polymer Composite Solutions gibt dieser Erzählung konkrete Form.

Geschäftsbereich Schwerpunkt Michelin-Perspektive
Reifen Mobilität, Pkw, Lkw, Flugzeuge Gummimischungen, Profildesign, Sicherheit, Effizienz
Polymer Composite Solutions Technische Gewebe, Membranen, Hochleistungsmaterialien Polymere, Verstärkungsfasern, Systemperformance
Services & Experiences Flottenservices, digitale Tools, Mobilitätslösungen Daten, Wartung, Optimierung der Reifennutzung

„Michelin in Motion 2030“: 30 % Umsatz jenseits von Reifen

Die doppelte US-Übernahme passt nahtlos in den Strategieplan „Michelin in Motion 2030“, der 2021 gestartet wurde. Eines der zentralen Ziele: Bis Ende des Jahrzehnts rund 30 % des Konzernumsatzes aus Aktivitäten außerhalb klassischer Reifen zu erzielen.

Um diese Mischung zu erreichen, fokussiert Michelin drei Felder: Advanced Materials, Customer Experience und Sustainable Mobility. Cooley und Tex Tech liegen klar im ersten Bereich. Sie bringen Produktlinien mit, die an Umweltschutz, Gesundheitsinfrastruktur, Luft- und Raumfahrtsicherheit sowie Verteidigungsausrüstung gekoppelt sind.

All das erzielt typischerweise bessere Margen als Massenreifen für Pkw – erfordert jedoch strenge Qualifizierungsprozesse und langfristige Lieferverträge. Ist ein Spezialmaterial einmal in einem Medizinprodukt, einer Dammabdichtung oder einer Flugzeugausstattung qualifiziert, bleibt es oft jahrelang gesetzt.

Warum die USA für diese Wette so wichtig sind

Eine tiefere Verankerung in Nordamerikas strategischen Industrien

Sowohl die Cooley Group als auch Tex Tech Industries sind tief in Neuengland verwurzelt. Für Michelin öffnet diese Geografie strategische Türen: Die US-Regierung und viele große Auftragnehmer legen in sensiblen Programmen Wert auf lokale Fertigung und langjährige Beziehungen.

Mit dem Besitz dieser beiden Unternehmen stärkt Michelin seine Rolle als verlässlicher Zulieferer für amerikanische institutionelle, militärische und industrielle Kunden. Das ergänzt das ohnehin dichte Netz aus Reifenwerken, F&E-Zentren und Vertriebsdrehscheiben des Konzerns auf dem Kontinent.

Während Washington zentrale Lieferketten zurückholen will, verschaffen Hightech-Gewebe „Made in Rhode Island“ und „Made in Maine“ Michelin einen Platz am Tisch.

Zudem könnten die Übernahmen einen „Pull-Effekt“ für andere Michelin-Angebote auslösen. Arbeitet der Konzern mit einem Luftfahrtplayer an Wärmeschutzmaterialien, lassen sich im nächsten Schritt auch Flugzeugreifen, Wartungsservices oder neue mobilitätsbezogene Lösungen adressieren.

Synergien zwischen Reifen, Verbundwerkstoffen und grüner Regulierung

Nordamerika verschärft Umweltauflagen für Chemikalien, Industrieemissionen und Abfall. Cooley und Tex Tech bewegen sich in diesem Umfeld bereits – insbesondere für Medizin-, Wasser- und Verteidigungsanwendungen. Michelin bringt zusätzliche F&E-Power und Prozessdisziplin ein, um Lösungen mit geringerer Umweltwirkung schneller voranzutreiben.

Gleichzeitig kann Wissen über langlebige Membranen, recycelbare Verbundwerkstoffe oder VOC-arme Beschichtungen zurück ins Reifengeschäft fließen. Verbesserungen in der Polymerchemie bleiben selten auf ein Werk beschränkt.

Der Reifenführer, der nicht „nur“ ein Reifenhersteller bleiben will

Ein Markt, der noch wächst – aber unter Druck steht

Der globale Reifenmarkt hat derzeit ein Volumen von rund 264,7 Mrd. US‑Dollar (etwa 225,6 Mrd. €) und könnte bis 2030 auf nahezu 394,6 Mrd. US‑Dollar steigen. Ein jährliches Wachstum von knapp 6,9 % spiegelt steigende Autodichte in Schwellenländern und den Ausbau weltweiter Logistiknetze wider.

Doch die Branche steht unter Gegenwind: Elektrofahrzeuge verlangen andere Reifeneigenschaften, Regulierer nehmen Mikroplastik-Emissionen stärker ins Visier, und Rohstoffpreise können stark schwanken. Der Wettbewerb hat sich zudem verschärft, da asiatische Hersteller Qualität aufrüsten und Exporte skalieren.

Michelin liegt beim Umsatz weiterhin an der Spitze der Reifenindustrie – vor dem japanischen Konzern Bridgestone und dem US-Anbieter Goodyear. Dahinter komplettieren Continental, Pirelli sowie mehrere japanische und chinesische Marken die Top 10 – jeweils mit regionalen Stärken und Spezialsegmenten.

Diversifikation als Risikomanagement

Der Ausbau in Richtung Hochleistungsverbundwerkstoffe hilft Michelin, Risiken über mehrere Nachfragezyklen zu streuen. Wenn Autoverkäufe schwächeln oder Frachtvolumen sinken, können Infrastruktur-, Gesundheits- oder Verteidigungsbudgets stabil bleiben oder sogar steigen.

Der Konzern gewinnt außerdem ein ausgewogeneres Technologieportfolio. Feuerbeständige Gewebe, flexible Membranen und medizinische Beschichtungen folgen anderen Regulierungs- und Innovationszyklen als Pkw-Ersatzreifen oder Lkw-Flottenverträge.

Das bedeutet nicht, dass Michelin sein Kerngeschäft aufgibt. Vielmehr versucht der Konzern, seine Zukunft am übergeordneten Thema zu verankern: „komplexe Probleme mit fortschrittlichen Materialien lösen“ – ob diese Probleme unter einem Auto liegen, in einem Krankenhaus auftreten oder auf der Außenhaut einer Rakete.

Was das für Kunden, Wettbewerber und Investoren ändern könnte

Neue Kombinationen aus Produkten und Dienstleistungen

Praktisch eröffnen die Übernahmen den Weg zu Hybridangeboten. Ein Flughafen-Kunde könnte beispielsweise mit einem einzigen Michelin-Ansprechpartner über Flugzeugreifen, Lösungen zur Runway-Sicherheit und flammhemmende Gewebe für Terminal-Innenbereiche sprechen.

Wasserbehörden, die Cooley-Membranen auswählen, könnten später Michelin-Technologien für Monitoring und Wartung in Betracht ziehen – gestützt auf Tools, die ursprünglich zur Erfassung von Reifenverschleiß in großen Flotten entwickelt wurden.

Für Verteidigungs- und Luftfahrtauftragnehmer könnte eine stärkere Michelin-Composite-Einheit die Entwicklung leichterer Strukturen, besserer Wärmeschilde oder verbesserter Schutzausrüstung beschleunigen, die Flexibilität mit hoher Widerstandsfähigkeit kombiniert.

Risiken und Herausforderungen bei der Umsetzung

Die Strategie bringt eigene Risiken mit. Die Integration zweier traditionsreicher Unternehmen mit eigener Kultur und Kundenbeziehungen erfordert Fingerspitzengefühl. Der Verlust zentraler Ingenieure oder Projektmanager in der Übergangsphase würde schmerzen.

Verteidigungs- und Medizintechnikmärkte bringen zudem strenge Compliance-Anforderungen mit sich. Jede Qualitätsabweichung oder ein Verstoß gegen Exportkontrollen könnte Michelins Marke beschädigen und rechtliche Folgen nach sich ziehen. Der Konzern braucht belastbare Governance für sensible Programme.

Auch die Kapitalallokation wird genau beobachtet werden. Investoren wollen Nachweise, dass die Composite-Margen die Vorabinvestition und die Managementaufmerksamkeit rechtfertigen, die vom Reifengeschäft abgezogen wird.

Was das für das größere „Materials Game“ bedeutet

Wer den Schritt einordnen will, kann ihn pragmatisch als Verschiebung hin zu „kritischen Materialien“ statt „Reifen versus Nicht-Reifen“ verstehen. Hochentwickelte Gewebe, Hochleistungspolymere und engineered Membranen stehen heute im Zentrum von Energie-, Wasser-, Gesundheits- und Verteidigungssystemen.

Eine Isolierstation im Krankenhaus, ein Wasserkraftdamm, eine wiederverwendbare Raketenstufe oder eine Batteriefabrik der nächsten Generation – all das hängt von anspruchsvollen Materialien ab, die Druck, Kontamination, Feuer und Belastung kontrollieren. Unternehmen, die diese Materialien beherrschen, sie mit Regulierern und Industriekunden qualifizieren und sie skalierbar fertigen, bauen einen strategischen Vorsprung auf.

Michelins Wette auf Cooley und Tex Tech signalisiert, dass der Konzern diesen Vorsprung auf beiden Seiten des Atlantiks will. Für Wettbewerber in Reifen und Verbundwerkstoffen gleichermaßen erhöht das die Messlatte: Es geht nicht mehr nur darum, bessere Räder zu verkaufen – sondern darum, das Know-how zu besitzen, das moderne Infrastruktur im Hintergrund zuverlässig zusammenhält.

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