Googles Hunger nach sauberem Strom wächst weiter – und ein französischer Energieriese sitzt immer wieder mit einem größeren Angebot mit am Tisch.
Innerhalb weniger Wochen wandte sich Google gleich zweimal an TotalEnergies, um seine Rechenzentren mit Strom zu versorgen – zuerst in den USA, dann in Südostasien. Diese Abfolge in hohem Tempo deutet auf mehr hin als auf einen Einmal-Deal: auf eine langfristige Annäherung zwischen einem digitalen Schwergewicht und einem traditionellen Energiekonzern, der sich für die Cloud- und KI-Ära neu erfindet.
Von den Maisfeldern Ohios zu Cloud-Kabeln
Im November 2025 übertrug Google die Stromversorgung seiner Rechenzentren in Ohio per langfristigem Stromabnahmevertrag (Power Purchase Agreement, PPA) an TotalEnergies. Im Zentrum steht der Solarpark Montpelier, angeschlossen an PJM – das riesige und anspruchsvolle Stromnetz, das große Teile des US-Nordostens und -Mittleren Westens abdeckt.
Über 15 Jahre soll Montpelier 1,5 TWh erneuerbaren Strom an Googles an PJM angebundene Standorte liefern. Dieses Volumen entspricht grob dem Jahresverbrauch einer Stadt mit mehr als 300.000 Einwohnern. Das ist kein kleines Pilotprojekt, sondern ein Test im industriellen Maßstab: Kann ein ehemaliger Öl-und-Gas-Konzern die moderne Cloud verlässlich mit planbarer Grünstrommenge versorgen?
Google investierte rund 2 Milliarden Euro in seine Rechenzentren in Ohio. Infrastruktur dieser Größenordnung kann sich nicht auf kurzfristige Spotmarktpreise verlassen – oder auf CO₂-intensiven Strom, dessen Kosten und Klimabilanz mit Gaspreisen und Kohlekraftwerksausfällen schwanken.
Für Google ist Energie von einem Hintergrundkostenblock zu einem strategischen Input geworden – so kritisch wie Chips oder Glasfasernetze.
Für TotalEnergies ist das Ohio-Abkommen ein wichtiger Beleg. Es zeigt, dass das Unternehmen in einem fragmentierten Markt wie den USA wettbewerbsfähig bepreisten Grünstrom liefern kann – und dabei die strengen Zuverlässigkeitsanforderungen von Hyperscale-Rechenzentren erfüllt.
Malaysia: neuer Kontinent, gleiche Blaupause
Kaum einen Monat nach Ohio tauchte eine ähnliche Geschichte Tausende Kilometer entfernt auf. Diesmal spielt sie in Kedah im Norden Malaysias, und das Projekt trägt den Namen Citra Energies.
Der Plan: Ab Anfang 2026 ein Solarkraftwerk bauen, das den Betrieb von Googles Rechenzentren in Südostasien gezielt versorgt. Der Vertrag läuft über 21 Jahre und umfasst eine Gesamtproduktion von etwa 1 TWh – unter malaysischen Sonnenbedingungen ungefähr vergleichbar mit rund 20 MW Leistung.
TotalEnergies hält 49 % an Citra Energies, gemeinsam mit dem lokalen Partner MK Land. Diese Eigentümerstruktur ist wichtig: Sie zeigt, dass der französische Konzern nicht einfach Projekte aus Paris oder Houston exportiert. Er verankert sich in lokalen Märkten, spricht mit Behörden und Netzbetreibern und richtet sich an nationalen Prioritäten für sauberere, stabilere Stromsysteme aus.
Auf Googles Seite ist die Logik klar: neue saubere Kapazität genau dort schaffen, wo Rechenzentren Strom beziehen – nicht Tausende Kilometer entfernt. Das unterstützt, was die Branche „Additionalität“ nennt. Statt grüne Ansprüche über Zertifikate oder alte Wasserkraftwerke zu begründen, finanziert das Unternehmen neue Projekte, die tatsächlich zusätzliche Megawatt erneuerbarer Erzeugung ins Netz bringen.
Additionalität: neue Solar- und Windparks speziell für einen Abnehmer bauen, statt bestehende Kapazitäten nachträglich als „grün“ umzulabeln.
Warum Google immer wieder zum selben Energiepartner zurückkehrt
Google könnte seine Einsätze auf ein Dutzend Versorger und Entwickler verteilen. Dennoch taucht TotalEnergies in Deals über Kontinente hinweg immer wieder auf. Mehrere Faktoren erklären dieses Muster.
- Know-how bei langfristigen PPAs: Der Konzern hat jahrelange Erfahrung darin, 15–25-jährige Verträge zu strukturieren, die Preis- und Mengenrisiken so verteilen, dass Banken sie finanzieren.
- Technologiemix: Solarenergie, Onshore- und Offshore-Wind, Batteriespeicher und flexible Gaskraftwerke geben Optionen, eine saubere und zugleich verlässliche Versorgung zu formen.
- 24/7-Denke: Rechenzentren schlafen nie. TotalEnergies positioniert sich als Anbieter gesicherter Leistung – nicht nur von Solarspitzen zur Mittagszeit.
Das Unternehmen gibt inzwischen mehr als 32 GW Bruttoleistung aus erneuerbaren Energien an und zielt kurzfristig auf mindestens 35 GW, mit einem Ziel von über 100 TWh Netto-Stromproduktion bis 2030. Diese Größenordnungen ähneln zunehmend den Bedürfnissen von Cloud- und KI-Giganten – und nicht mehr nur denen klassischer Industriekunden.
KI macht Strom zum neuen Engpass
Der schnelle Schwenk hin zu künstlicher Intelligenz sprengt alte Annahmen über digitale Infrastruktur. Das Training großer Sprachmodelle, das Speichern von Petabytes an Daten und die Kühlung immer dichter gepackter Serverracks benötigen Strom – sehr viel Strom.
Rechenzentren standen 2024 laut mehreren Branchenschätzungen bereits für fast 3 % der weltweiten Stromnachfrage. Mit wachsenden KI-Workloads könnte dieser Anteil schnell steigen – besonders in Regionen, die Cloud-Investitionen anlocken wollen, aber mit alternden Netzen kämpfen.
Für Google und seine Wettbewerber reicht es nicht mehr, den Strommix auf dem Papier zu „vergrünen“. Sie müssen große, stabile Mengen CO₂-armer Energie sichern, ohne lokale Systeme zu destabilisieren oder politischen Gegenwind wegen steigender Haushaltsstrompreise auszulösen.
Sowohl in Ohio als auch in Malaysia speist TotalEnergies nicht einfach nur Megawattstunden ins Netz ein. Der Konzern hilft mit, zu planen, wie neue Anlagen angeschlossen werden, wie sie die Volatilität ausgleichen und wie sie in Kapazitäts- und Reservemärkte passen. Dieser technische Beitrag vertieft die Beziehung.
Wenn die Stromversorgung für Cloud und KI missionskritisch wird, wirkt das einfache Lieferant–Kunde-Modell zunehmend wie eine strategische Allianz.
Ein sorgfältig aufgebauter US-Fußabdruck
Hinter dem Ohio-Deal steht ein breiterer US-Vorstoß. TotalEnergies betreibt inzwischen in den Vereinigten Staaten ein Portfolio von rund 10 GW, bestehend aus Solarparks, Windprojekten und Speichersystemen. In installierter Leistung entspricht das etwa der Produktion von rund zehn französischen Kernreaktoren der zweiten Generation – auch wenn das Erzeugungsprofil ein anderes ist.
Allein im PJM-Netz hat der Konzern bereits 1 GW in Betrieb. Außerdem treibt er rund 4 GW an Projekten in Texas im ERCOT-Markt voran – einer Zone, die für schnellen Ausbau erneuerbarer Energien bekannt ist, aber auch für brutale Preisschwankungen und Netzstress.
Diese Größenordnung verändert, wie der Konzern mit digitalen Akteuren interagiert. Er tritt nicht mehr als kleiner Herausforderer auf. Er spricht mit Google, Amazon oder Microsoft als substanzielles Gegenüber, das Volumen zusagen, regulatorische Risiken tragen und anspruchsvolle Vertragsstrukturen anbieten kann.
Die Liste der Unternehmenskunden wird länger: Amazon, Microsoft, Data4, STMicroelectronics, Saint-Gobain, Air Liquide, Orange, Merck, LyondellBasell und andere. Zusammen zeigen diese Deals eine klare Strategie: CO₂-armen Strom zu einer vollständigen industriellen Produktlinie machen – nicht nur zu einer Compliance-Checkbox.
PPAs als Rückgrat des neuen Stromsystems
Vor zehn Jahren hatten außerhalb der Energiewirtschaft nur wenige von Stromabnahmeverträgen gehört. Heute prägen PPAs zunehmend, wie neue Kraftwerke in Europa, Nordamerika, Asien und Lateinamerika gebaut und finanziert werden.
Im Kern legen PPAs Preise, Mengen und Laufzeiten zwischen Erzeuger und Großabnehmer fest. Diese Planbarkeit ermöglicht es einem Entwickler wie TotalEnergies, Bankkredite und Eigenkapital für Projekte zu sichern, die sich erst über Jahrzehnte amortisieren. Der Abnehmer erhält Schutz vor künftigen Preisspitzen und eine klare Sicht auf das CO₂-Profil seines Stroms.
| Zentrales PPA-Merkmal | Nutzen für Google | Nutzen für TotalEnergies |
|---|---|---|
| Fester oder indexierter Preis | Kostentransparenz, einfachere Budgetierung | Stabiler Erlösstrom |
| Lange Laufzeit (15–25 Jahre) | Gesicherter Strom für Rechenzentren | Bankfähige Projekt-Cashflows |
| Nachverfolgbare Herkunft | Glaubwürdige Klimaberichterstattung | Aufschlag gegenüber undifferenziertem Strom |
Anders als Spotmarkt-Käufe bindet ein PPA beide Seiten in eine gemeinsame industrielle Geschichte: eine konkrete Anlage, in einer konkreten Region, zugeschnitten auf eine konkrete Nachfrage. Diese Erzählung überzeugt inzwischen auch lokale Behörden, weil sie private Investitionen, Jobs und Dekarbonisierungsziele verknüpft.
Big Techs Wettlauf um saubere Elektronen
Google läuft dieses Rennen nicht allein. Amazon liegt vorn und hat global mehr als 33 GW erneuerbare Energie vertraglich gesichert. Microsoft hat die 10-GW-Marke überschritten. Auch Meta und Apple schließen große Deals ab, um ihren Jahresverbrauch mit sauberer Versorgung zu decken oder zu übertreffen.
Der Unterschied bei Google liegt weniger in der Größe als im Muster der Partnerschaften. Das Unternehmen scheint zunehmend bereit, mehrregionale Vereinbarungen mit demselben Energieakteur zu schließen. Ob in den USA, in Südostasien oder potenziell in Europa – TotalEnergies erscheint als wiederkehrendes Gegenüber, das schnell handeln und langfristig denken kann.
Während das globale Internet zu kritischer Infrastruktur wird, ist die Wahl des „Stromlieferanten der Wahl“ keine rein kommerzielle Frage mehr. Sie berührt Energiesicherheit, Klimadiplomatie und lokale Industriepolitik. Regierungen schauen genau hin, wer die Anlagen baut und besitzt, die Daten- und KI-Dienste am Laufen halten.
In diesem Umfeld positioniert sich TotalEnergies als verlässlicher Lieferant sauberer Elektronen für den digitalen Sektor – nicht nur mit glänzenden Ankündigungen, sondern mit Stahl, Silizium, Kabeln und unterschriebenen Verträgen.
Was das für Netze, Preise und Klimaziele bedeutet
Diese entstehende Allianz zwischen Cloud-Konzernen und Energie-Majors bringt Chancen und Spannungen zugleich.
Auf der positiven Seite können langfristige PPAs von Tech-Giganten Projekte ermöglichen, die sonst Schwierigkeiten hätten, Finanzierung zu sichern. Neue Kapazitäten helfen, Netze zu modernisieren, stützen lokale Auftragnehmer und beschleunigen das Zurückfahren von Kohle- und Ölkraftwerken.
Es gibt jedoch auch Risiken. Wenn große Teile neuer sauberer Kapazität rund um Daten-Hubs konzentriert werden, kann das lokale Netze überdehnen. Ohne sorgfältige Planung drohen Engpässe, Abregelungen oder höhere Kosten für Netzausbauten. Regulierungsbehörden werden vermutlich Transparenz einfordern: Wer zahlt wofür – und profitieren Haushaltskunden ebenfalls von der neuen Infrastruktur?
Für Klimaziele steht viel auf dem Spiel. Wenn Deals wie in Ohio und Kedah tatsächlich zusätzliche Erzeugung schaffen statt bestehende Produktion umzudeklarieren, können sie reale Emissionen senken und zugleich die schnell wachsende digitale Nachfrage aufnehmen. Wenn nicht, drohen sie zu aufwendigen Bilanzierungsübungen zu werden.
Die nächsten Jahre werden zeigen, ob das Gespann Google–TotalEnergies zum Vorbild wird. Telekommunikationsanbieter, Chiphersteller und KI-Start-ups könnten folgen – jeder auf der Suche nach seinem eigenen langfristigen „Elektriker“. Dieser Wandel würde Strom von einer simplen Nebenkostenposition zu einem zentralen strategischen Vermögenswert machen: Er entscheidet mit darüber, wo Rechenzentren gebaut werden, welche Regionen Investitionen anziehen und wie schnell fossile Energien aus Stromsystemen verschwinden.
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